Von wegen »Clavier-Übung«!

Jan Katzschke bescherte der Diakonissenhauskirche einen wunderbaren Orgelabend

Am Sonntagnachmittag kehrte Jan Katzschke (zum wiederholten Male) an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Zwölfeinhalb Jahre war er Kantor der Diakonissenhauskirche in Dresden gewesen. In seine Zeit fallen nicht nur zahlreiche Kantatenaufführungen in den Gottesdiensten, Jan Katzschke rief auch den Orgelwinter ins Leben. In diesen Tagen findet er seine Neuauflage [NMB berichteten], am Sonntag mit einem weiteren Orgelkonzert.

Zuvor blickte der Organist kurz zurück, überraschte manchen Besucher mit der Aussage (seine frühesten Erinnerungen als Kind aufgreifend), ein Staubsaugermotor funktioniere ja wie ein Orgelgebläse – nur umgekehrt – und war voll des Lobes über die Jubilarin: vor 50 Jahren wurde die Schuke-Orgel eingeweiht. In der damaligen Zeit gebaute Instrumente seien nicht unbedingt nur schön gewesen, diese jedoch schon, weshalb man sich, als in Jan Katzschkes Amtszeit eine Generalüberholung fällig war, mit der Dresdner Orgelbaufirma Wegscheider auch entschloß, diese im Stile einer Restaurierung auszuführen – alles sollte erhalten, nichts verändert werden.

Photo: NMB

Wie wahr die Einschätzung hinsichtlich der Schönheit des Klangs ist, konnte sogleich erfahren, wer es denn noch nicht wußte. Die nach dem Krieg wiederaufgebaute Jugendstilkirche weist gegenüber dem ursprünglichen Zustand einige Änderungen auf (keine Emporen, keine farbigen Glasfenster), ein Abendmahlsbild im Altarraum verleiht dem Innenbereich eine moderne Gewandung. Die Orgel dagegen klingt zeitlos, scheint Jugendstil und Farbfenster in sich zu tragen und gestattet es, bunte Ornamentik und stimmungsvolle Bilder musikalisch umzusetzen. Schließt man die Augen, wähnt man sich (vielleicht) in einem ganz anderen Raum, einer der prächtigen Kirchen, wie sie selbst in Dörfern und Kleinstädten des Erzgebirges zu finden sind.

Den prächtigen Eindruck erweckte Jan Katzschke mit Johann Sebastian Bachs »Clavier-Übung. 3. Teil« und erfüllte sich damit einen langgehegten Traum, dieses Stück einmal aufzuführen. Allerdings »beschränkte« er sich dabei aber auf die Choralteile sowie das einleitende Präludium und abschließende Fuge der »Orgelmesse«. Somit blieb nicht zuletzt das Format gewahrt.

Was heute gern als Klammer eines Orgelabends dient, hatte Johann Sebastian Bach bereits so vorgesehen: Präludium und Fuge BWV 552 bilden einen Rahmen, dazwischen erklingen die anderen Werke. In diesem Fall keine beliebigen, sondern eine Abfolge von Bibeltexten, die bereits aus alten Kirchenliedern bekannt waren, sowie einem dreiteiligen Kyrie (BWV 669 bis 671), was wohl zum Beinamen »Orgelmesse« geführt hat (eine Messe im regelrechten Sinne ist es allerdings nicht). Schon hier sorgte die Klangschönheit des Instruments für ausgeprägte Eindrücke und Vergleichsmöglichkeiten mit den Kyrie-Erfahrungen, die jeder von Chören kennt. Überhaupt war die Stimmverteilung auf Manualen und Pedalen, solistisch oder eben chörig, ein kennzeichnendes und faszinierendes Element.

Doch Stimmen und Strukturen waren es nicht allein (obwohl man sich darin hätte »verlieren« können). Zu jedem der Teile hatte Jan Katzschke kurz Charakteristika und Herkunft erläutert, und so barg der musikalisch erfreuliche Eindruck (wie beim festlich-konzertanten »Allein Gott in der Höh sei Ehr«, BWV 676) auch eine – dem Hause entsprechend – spirituelle Offenheit und Andacht. »Wir glauben all an einen Gott« (BWV 680) zum Beispiel hätte wohl nicht besser vermitteln können, wie man Zuversicht darstellen bzw. empfinden kann.

Pfarrer Stephan Siegmund fand dafür – mit besonderem Fokus auf der Musik und den Musikern – passende Worte. Über die Musik hinaus war die Möglichkeit der Kontemplation gegeben.

23. Januar 2023, Wolfram Quellmalz

Der Orgel-Winter in der Diakonissenhauskirche wird am kommenden Sonntag, 29. Januar, mit einem Konzert von Domorganist Stephan Leuthold (Bremen) abgeschlossen. Beginn: 16:00 Uhr, Mehr unter:

http://www.diako-dresden.de

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