Innenwelten

Semperoper feiert einen überragenden »Tristan«

Schon bevor sich der Vorhang hebt, packt einen dieser Klang: Tristans Akkord, der Isoldes (Liebs)traum webt. Das, was Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden da aus dem Orchestergraben strömen lassen, hat nichts mit Schmeicheln und Wohlfühlen zu tun, es ist vielmehr ein geradezu stoffliches Gewebe, das einhüllt – erregend bis in die Haaransätze und Fingerspitzen. Glücklicherweise bleibt dieser Stoff (bei geschlossenem Vorhang) zunächst ohne Bild. Denn Marco Arturo Marellis an sich mittlerweile betagte Inszenierung, die schon im Mai 1995 Premiere hatte und jetzt nach vielen Jahren (die aktuelle Aufführungsserie ist die erste seit Herbst 2013) wieder auf die Bühne der Semperoper kommt, hat viele Vorteile. Unter anderem eben, weil der Regisseur die »innere Handlung« von »Tristan und Isolde« nicht zusätzlich bebildert, was leider in zu vielen Inszenierungen allzu gerne passiert.

Klaus Florian Vogt (Tristan), Camilla Nylund (Isolde), Herren des Sächsischen Staatsopernchores Dresden, Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

DAS STÜCK

Im Gegensatz zu dramatischen Opern, seien sie nun romantisch (»Lohengrin«) oder veristisch (»La traviata«), wird Richard Wagners »Tristan und Isolde« nicht von einer äußeren Handlung getrieben. Die drei Bilder der Aufzüge (Schiff auf dem Weg nach Cornwall, Markes Burg, Burg Kareol in der Bretagne) geben mehr einen Rahmen vor als einen Verlauf zu markieren. Dafür geht es um »innere Werte«: Liebe, Treue und Verrat. Und wie oft bei Wagner muß man die Herkunft der Figuren und ihre Vorgeschichte kennen:

Tristan tötete einst den irischen Fürsten Morold für Marke, wurde dabei aber selbst schwer verwundet. Nur Isolde, Morolds Verlobte, kann ihn mit ihren Zauberkünsten heilen. Noch aber (er)kennt sie den Fremden, der sich Tantris nennt, nicht.

Tristan soll Isolde mit einem Schiff nach Cornwall bringen, damit sie Marke heiratet, um Frieden zu stiften. Isolde, die Tristans Identität erkannt hat, verlangt Genugtuung. Doch statt des Todestrankes, den sie von ihrer Dienerin Brangäne verlangt, gibt diese ihr den Liebestrank, der Tristan und Isolde auf ewig verbindet.

Tristan und Isolde treffen sich trotz Brangänes Warnungen heimlich in Markes Garten. Beide wünschen sich entflammt eine ewige Nacht – auf daß es nie mehr Tag werde! Melot, der ein Freund Tristans ist, aber zum Gefolge des Königs gehört, verrät die beiden, die sich entschließen, gemeinsam in den Tod zu gehen. Tristan provoziert Melot der diesen »Angriff« mit dem Schwert erwidert. Tristan, der sich nicht verteidigt, ist schwer verwundet.

Kurwenal pflegt den fiebernden Tristans auf dessen Burg Kareol in der Bretagne. Tristan schwebt zwischen Leben und Tod. Er wartet auf Isoldes Ankunft, die ihn, so ist er überzeugt, retten wird. Ein Hirte bläst eine traurige Melodie – erst wenn er Isoldes Schiff erblickt, soll er dies froh verkünden. Mehrfach glaubt Tristan, ein Schiff zu sehen. Als Isolde endlich ankommt, stirbt Tristan in ihren Armen. Marke landet mit einem zweiten Schiff – er will dem treuen Freund vergeben, doch er kommt nicht nur zu spät, erneut bricht ein Streit aus – im Kampf verwunden sich Melot und Kurwenal tödlich. Isolde besingt in ihrer »Verklärung« (Wagner) ihre Liebe.

Camilla Nylund (Isolde), Klaus Florian Vogt (Tristan), Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

DIE INSZENIERUNG

Theater reflektiert immer den Zeitgeist. Jede Inszenierung ist also zumindest zum Teil ein Spiegel ihrer Zeit und in ihr verhaftet – irgendwann ändern sich die Sichtweisen. Eindrückliche oder gar spektakuläre Effekte verlieren im Laufe der Zeit ebenso an Kraft bzw. ändert sich ihre Wirkung, wenn Effekte nicht mehr spontan überwältigen, sondern von Einordnung und Erinnerung getragen werden. (Das trifft zum Beispiel auf Willy Deckers Dresdner »Ring« zu, den wir im vergangenen Jahr gesehen haben.) Anders bei Marco Arturo Marellis »Tristan und Isolde«: Gedämpfte oder matte Farben, eine klar eingeteilte Bühne, ein wiederkehrender Kubus als Aktionsraum, der die konkreten Orte nicht illustriert, sondern nur andeutet – das ist zeitlos! Im Trichter der Bühnenmitte konzentriert sich die Aktion, während die Öffnung bzw. die Verlagerung des Bewegungsraumes vor allem nach oben passiert – das ist auch dramaturgisch klug. Dazu die Kostüme von Dagmar Niefind-Marelli, die ebenso konkrete Nationalitäten oder Zeiten vermeiden, manches aufgreifen, ein wenig asiatisch anmuten, sonst aber eher kühl wirken, vor allem gehoben. Effekte? Fehlanzeige. Die gesamte Ausstattung kleidet Wagners Oper ein, den Kern aber bilden die Figuren.

DIE AUFFÜHRUNG

Wo beginnen, wenn man so großartiges, im Grunde kaum beschreibliches, erlebt hat? Am besten am Anfang, denn nach dem sagenhaften Vorspiel und noch vor Isoldes »Wer wagt mich zu höhnen?« bot Attilio Glaser (später auch Hirt) als junger Seemann (»Westwärts schweift der Blick«) – von oben gesungen, als käme es aus dem Mastkorb eines Segelschiffs – ein Lied, das so klar und wunderbar unter die Haut gehend kaum einmal zu hören ist! Die Verbindung von Wortverständlichkeit und berührender Emotionalität war schon hier deutlich – sie blieb es den ganzen Abend über (wir besuchten die dritte Aufführung am 28. Januar). Und es ist bezeichnend, daß die gesamte Besetzung bis zu den kleinsten Rollen (Steuermann: Lawson Anderson) und den Chor (Sächsischer Staatsopernchor, Einstudierung: André Kellinghaus), selbst wenn die Auftritte klein oder kurz waren, als exzellent bezeichnet werden darf – hier stimmte einfach alles!

So war Tanja Ariane Baumgartner, die am Haus gerade die Uraufführung von Detlev Glanerts »Die Jüdin von Toledo« (dort als Eleonore) vorbereitet, kurzfristig für die erkrankte Christa Mayer als Brangäne eingesprungen. In der Färbung kommt sie Mayers Mezzo sogar nahe. Brangänes Warnruf im zweiten Aufzug, wiederum von oben gesungen, drang jedem Zuhörer im Saal bis ins Herz – nur das Liebespaar erreichte er nicht! Warm und bestens verständlich vervollständigte Tanja Ariane Baumgartner das Quartett der Hauptakteure, zu denen noch Martin Gantner als Kurwenal gehörte. Der gefiel besonders in den mehr piano gespielten Passagen, konnte sich (Höreindruck im Parkett) anfangs noch nicht gegen das volle Orchester durchsetzen, was ihm im dritten Aufzug aber schließlich glänzend gelang.

Georg Zeppenfeld hat als Marke zwar wenige, aber entscheidende Auftritte. Mit seiner schlanken Gestalt und der Ruhe gab er dem König eine Würde, die zur Überlegung und der Umbesinnung (also der beabsichtigten Vergebung Tristans) paßt. Daß er präzise im Wort, bestechend in der Gestaltung und dabei unverkennbar agiert, läßt die Größe oder Länge seiner Auftritte im Grunde nebensächlich werden – der Extraapplaus am Ende war ihm sicher!

So wie auch Tristan und Isolde. Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund (Rollendebuts) zeigten sich in einer herazsragender Form und fanden einmütig zueinander. Vogts Stimme tut der leichte Wandel in den letzten Jahren gut – sie bleibt unverkennbar, doch die herben, schattigen Nuancen veredeln Charaktere wie jenen Tristans. Camilla Nylunds emphatischer Sopran steht ohnehin außer Zweifel. Im ersten Aufzug führte sie (»Mir erkoren«) sozusagen das Englischhorn ein – es soll noch mehrere prägnant Auftritte haben. Wobei Christian Thielemann und die Staatskapelle durchaus überraschten, denn der Hirt im dritten Aufzug, der laut Text eine Schalmei spielt, ist nur anfangs auf dem Englischhorn (wie üblich) zu hören – als hoffnungsfrohe Stimmung aufkommt, übernahm den Part die Trompete.

Nicht vergessen darf Sebastian Wartig als Melot. Vielfachbesuchern der Semperoper als spielfreudiger Papageno oder aus »La bohème« bekannt, bricht hier zu neuen Ufern auf. Herb, derb, ambivalent – Sebastian Wartig gelang es wieder, Spiel und Stimme sinnig zu verbinden und eine glaubhafte Figur mit all ihrer Zerrissenheit zu formen.

Über allem (wenn auch räumlich und akustisch unten im Graben) thronte die Sächsische Staatskapelle – es ist eines der letzten Projekte mit dem scheidenden Chefdirigenten Christian Thielemann. Wobei das »unten« und »oben« relativ ist, denn bei Wagner gibt es reichlich Bühnenmusik, vor allem von den formidablem Bläsern. Christian Thielemann hielt Bühnenmusik und Kapelle nicht nur zusammen, er sorgt für Bewegung, Emotionen, Wandel – eigentlich, fragt man sich, entspricht dies doch der Definition von Impressionismus: konkrete Dinge verlieren in der Darstellung an Bedeutung, dafür gewinnen subjektive Wahrnehmung und Wirkung an Gewicht?  Gerade im dritten Aufzug (dem Mathilden-Aufzug), der durchdrungen scheint von den Wesendonck-Liedern (»Sag, welch wunderbare Träume«), wurde diese Wirkung offenbar und verband sich mit den Blau-Schattierungen der Bühne.

Camilla Nylund (Isolde), Klaus Florian Vogt (Tristan), Photo: Sächsische Staatsoper, © Ludwig Olah

Christian Thielemann, der bei den Auftritten schon vorab bejubelt wurde, empfing am Ende den größten Applaus. Ein Magier? Nicht nur – Gelassenheit, Ironie und ein doppelter Boden scheint zu seinem Repertoire ebenso dazuzugehören. Spricht man ihn an oder liest es nach, zeigt sich der Dresdner Chef überzeugt, daß Tristan und Isolde am Ende nicht sterben – fragt sich eben, in welcher Welt.

Das bleibt offen, denn Wagner hat es schließlich nicht festgeschrieben. Nicht Isoldes Liebestod krönt den Abend, sondern Isoldes Verklärung. Camila Nylund verlieh im blauen Rhombus von Marco Arturo Marelli (oder ist es ein anderer Venusberg?) nicht nur Glanz, sondern Magie.

2. Februar 2023, Wolfram Quellmalz

Morgen noch einmal: Richard Wagner »Tristan und Isolde«, Semperoper Dresden, mit Christian Thielemann (Musikalische Leitung), Klaus Florian Vogt (Tristan), Camilla Nylund (Isolde), Georg Zeppenfeld (König Marke), Christa Mayer (Brangäne), Martin Gantner (Kurwenal)

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