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Kreuzchorvesper am Vorabend des Osterfestes

Wer erwartet hatte, daß der Dresdner Kreuzchor, der seit Gründonnerstag neben zwei Aufführungen der Matthäus-Passion noch in der Ostermette und im Gottesdienst zu erleben war, für die Vesper vor dem Osterfest ein »einfaches« Programm mit Repertoirestücken etwa von Bach zusammenstellten würde, sah sich erneut »enttäuscht«: Nicht nur, daß das Programm von der Gregorianik bis in unsere Tage reichte, es beinhaltete zudem so exotische Werke wie eine Kantate Carl Heinrich Grauns.

Kreuzkantor Martin Lehmann hatte ganz tief in die »Kiste« der Tradition gegriffen und dabei nicht nur Werke von Komponisten wie Heinrich Schütz zutage gefördert, die zum ureigensten Kanon des Kreuzchores gehören, sondern auch wieder ein Werk des Ersten Chorpräfekten Anton Matthes ins Programm genommen. Mit Musik des 2005 geborenen Kruzianers gab es mittlerweile schon mehrfach Wiederbegegnungen oder -aufführungen.

Nach dem Einzug unter Orgelmusik (Kreuzorganist Holger Gehring verwies über den Choral »Oh Haupt voll Blut und Wunden«noch einmal auf die Passion) stand Jubilar Anton Bruckner mit »Christus factus est« am Beginn, der Kreuzchor wandelte sich darin quasi vom Dunkel ins Licht und zeigte sich bereits außerordentlich geschlossen – was für ein Eindruck bei so einem großen Knabenchor! Heller und feingliedriger (sowie mit geteiltem Chor), aber auch auf die gregorianische Tradition verweisend zeigte sich darauf der Introitus für Ostern.

»Ostermorgen, Die drei Frauen am Grab, mit dem Engel«, sogenannter Albani-Psalter (circa 1130, ursprünglich St Albans Abbey, St Albans, Hertfordshire, heute Dombibliothek Hildesheim), Bildquelle: Wikimedia commons

Das Dresdner Barockorchester, das sich über das Wochenende die Begleiterrolle mit Musikern der Dresdner Philharmonie teilte, durfte danach die Klangpracht seiner alten Instrumente vorzeigen. Auf Heinrich Schütz‘ zauberhaftes Kleines geistliches Konzert »Ich bin die Auferstehung und das Leben« (SWV 32) folgte später noch der Beschluß »Gott sei Dank« aus der Auferstehungshistoria (SWV 50). Im ersten der beiden Stücke durfte die kleine Form als Terzett von Kruzianern (Moritz Rühl und Moritz Naumburger / Tenor, Morten Graßau / Baß) aufblühen.

Den im Kolorit reichsten, ja spektakulärsten Eindruck hinterließ sicherlich Carl Heinrich Grauns Kantate zum ersten Ostertag »Ich suchte den, den meine Seele liebet« (GraunWV B:IX:5), die nicht nur im Umfang, sondern mit fugiertem Chor und beseelten Soli beeindruckte. Ein feines Piano war dem Tenor Jonas Finger ebenso zu eigen wie es die Oboen zum Duett von Sopran und Baß beisteuerten. Graun, später Kapellmeister am Preußischen Hof, hatte wie sein Bruder einst die Kreuzschule in Dresden besucht. In seiner Kantate spielte er mit den Formen, so daß sich Anklänge an große Passionen oder Opern immer wieder aufdrängten, wenn etwa die Rezitative zu accompagnieren begannen. Die Solisten (außerdem Laura Keil / Sopran, Annekathrin Laabs / Alt und Andreas Scheibner / Baß) nutzten diesen Spiel- und Gestaltungsraum bis hin in den Schlußchor, in dem noch einmal ein kurzes Tenor-Solo (»Halleluja«) steckte.

Weit über den Effekt hinaus erfreuten dabei die gestalterische Raffinesse und der Klang. Und so zeigten sich auch beim Kreuzchor keinerlei Ermattungserscheinungen – Martin Lehmann scheint mit seinem ruhigen Dirigat eher zu bestätigen, Sicherheit zu geben, als ständig zu ändern und zu korrigieren.

Die Besonderheit der Vesper am Vorabend des Osterfestes wurde wieder durch die Zeremonie unterstrichen, wie die Entzündung des Osterlichtes während des Orgelspiels (Johann Sebastian Bach: Praeludium et Fuga D-Dur, BWV 532) oder später dem Dresdner Amen. Zum Besonderen zählte aber sicher ebenso Anton Matthes‘, von ihm selbst geleitetes »Ehre sei dir, Christe«. Die Bezeichnung Nr. 2 aus Fünf geistliche Gesänge zur Passionszeit Opus 16 nach Gedichten der Renaissance scheint einer positiven Tradition zu entstammen – sie darf gern weiter wachsen.

31. März 2024, Wolfram Quellmalz

Die nächste Kreuzchorvesper gibt es am 20. April, 17:00 Uhr in der Kreuzkirche

https://www.kreuzkirche-dresden.de

Spendenaufruf für die Kirche Großröhrsdorf und aktuelle Informationen:

https://www.kirche-grossroehrsdorf.de

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