Klang und Improvisation

Venezolanische Pianistin Gabriela Montero beim Lausitz Festival

Die Dorfkirche Cunewalde ist nicht nur seit der ersten Ausgabe 2020 und seitdem durchgängig Partner des Lausitz Festivals, sondern gehörte schon 2019 dazu. »Pränatal«, wie Intendant Daniel Kühnel das nannte, als mit ersten Veranstaltungen die Initialzündung für das Festival stattfand. Pfarrer Christoph Schröder begrüßte am Dienstag vergangener Woche die Besucher zu einem ganz besonderen Abend: die venezolanische Pianistin Gabriela Montero war zu Besuch, und wer sie kennt, weiß, daß sie sich dem klassischen Improvisieren verschrieben hat und sich in der zweiten Konzerthälfte Melodien vom Publikum vorgeben läßt, wobei sie – schließlich haben alle, nicht nur die Jazzer und Organisten, das Improvisieren von Bach, Mozart & Co. übernommen – auch gerne einmal die Genregrenzen übertritt.

Gabriela Montero in der Dorfkirche Cunewalde, Photo: Lausitz Festival, © Nikolai Schmidt

Im ersten Teil folgte Gabriela Montero der gängigen Konzertpraxis mit gesetzten Stücken im Programm. Dennoch war schon hier viel Besonderes zu spüren: der Raum der größten protestantischen Dorfkirche Deutschlands ist, selbst wenn der Blick zur Stuckdecke wegen deren Restaurierungsbedarfs derzeit durch ein Netz nicht ungehindert ist, einzigartig. Außerdem gehört das Lausitz Festival zu jenen wenigen Veranstaltern, die ihren Pianisten nicht einfach einen Standardflügel vor die Nase (oder Hände) setzen, sondern die besonders feinen Instrumente aus der Klangmanufaktur Hamburg zur Verfügung stellen. Und schließlich hatte die Pianistin – sicher der wichtigste Punkt – Werke ins Programm genommen, die ganz besonders dem Klang hingegeben waren.

Die Chaconne aus der Johann Sebastian Bachs Partita d-Moll für Violine solo hat viele Komponisten zu einer Übertragung angeregt, für Violine und Klavierbegleitung, auf dem Klavier nur für die linke Hand, oder eben »ganz normal« auf den Flügel, wie es Ferruccio Busoni getan hat. Und da Busoni besonders den Klang des damals modernen Flügels (im Gegensatz zu Bachs Tasteninstrumenten) hervorheben und ausnutzen wollte, hat er, ohne Bach zu übertönen, dynamische Akzente gesetzt, die dem Werk eine Eigenständigkeit bescheren. Gabriela Montero gehört zu jenen Pianisten, die solchen Klang gestalten, betonen und konturieren können, ohne schiere Kraft oder nur Klangvolumen zu erzeugen. Sie ließ den Baß tief hallen, die Oberstimme fast gleißen, um beide letztlich zusammenfließen zu lassen – nicht der einzige Moment in der ersten Konzerthälfte, bei dem man an eine Orgel dachte. Noch in ruhigen Passagen waren Bach bzw. Busoni voller Spannung und Kraft.

Dagegen schien Frédéric Chopins Polonaise-Fantaisie As-Dur (Opus 61) wie aus einer anderen Welt. Gabriela Montero verband die sanften Wellen und den Saloncharakter mit durchaus perkussivem Anschlag – ein wenig, als hätte Bach Chopin gespielt. Nicht beiläufig, sondern mit wohlgesetzter Leichtigkeit, entfaltete sich die Fantaisie, eine Charakteristik, die sich bei den Improvisationen später wiederfinden sollte.

Bei César Franck wiederum denkt man zuerst an den Organisten und die Orgel. Prélude, Choral et Fugue ist aber ein Klavierstück, das Francks pianistische Fähigkeiten ebenso widerspiegelt wie seinen dynamischen Gestaltungssinn – die Orgel ist zumindest nicht weit entfernt. Und doch ließ Gabriela Montero gerade im Choral eine bezaubernde Nonchalance durchscheinen, die den Rückschluß bzw. die Frage aufkommen ließ, ob nicht vielleicht Chopin Orgel gespielt habe (und wenn ja: wie) oder für sie geschrieben haben würde. Das im Stück imitierte Geläut, vom Komponisten so notiert, paßte sowohl in den Raum wie als Ausblick auf die folgenden »Imitationen«.

Kontakt zum Publikum: Gabriela Montero in der Dorfkirche Cunewalde, Photo: Lausitz Festival, © Nikolai Schmidt

Denn solche sind Improvisationen letztlich auch. Wie immer in den Konzerten von Gabriela Montero »darf« das Publikum keine Lieder oder Themen ansagen, sondern muß sie vorsingen. Ein sorbisches Volkslied ließ die Pianistin (leider) aus, sie wollte vor allem Themen, die nahezu jeder kennt, sicher, damit den Zuhörern durch Wiedererkennen das »Verfolgen« des Themas leichter fällt. Mit »Wenn alle Brünnlein fließen« in Variationen à la Robert Schumann gelang ihr dies hervorragend und beeindruckend. »Summertime« spielte Gabriela Montero in einer freien Bearbeitung, die klang, als würde Gershwin selbst über sein Lied phantasieren. Das Schicksalsmotiv aus Beethovens fünfter Sinfonie dagegen verknüpfte sie raffiniert mit der Begleitung und umfließenden Spielfiguren.

Nach einer von ihr selbst gewählten freien Improvisation, die sie einer Gastfamilie ihres Heimatlandes widmete und auf die schwierige Situation der Menschen in Venezuela hinwies, nahm Gabriela Montero schließlich doch ein sorbisches Volkslied auf, das sich – von den meisten Besuchern mitgesungen – als bekannt durchgesetzt hatte: »Što radosć rjeńšu dawa« (Was gibt mir die Freude). Das Lied erzählt von der Freude, nicht nur des Wanderns, sondern des Aufbruchs (etwa in der Zeit der Frühlingsblüte). Eigentlich – an einem Neumondtag – ein schöner Abschluß, so ein Aufbruch!

Noch bis 14. September: Lausitz Festival

https://www.lausitz-festival.eu/de/

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https://www.kirche-grossroehrsdorf.de/

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