Renaissancemusik im letzten Kammerkonzert des Jahres der Hoflößnitz
Selbst wenn die Kammerkonzerte der Hoflößnitz nicht mehr im Lusthaus des Weingutes stattfinden (es wäre für die gestern erlebte Musik wahrscheinlich sowieso »zu modern« gewesen), hat die Reihe mit dem vor einiger Zeit neu erschlossenen Saal im Pressenhaus doch einen angemessenen Ort gefunden , an dem Musik aller Epochen heimisch scheint. Nicht nur Barock oder Romantik, auch die Renaissance erklingt hier immer wieder.
Für den Jahresabschluß der Kammermusikreihe am Sonntag hatten die Veranstalter nicht nur zwei versierte Musikerinnen, Johanna Bartz (Renaissance-Traverso) und Mira Lange (Virginal) eingeladen, die beiden brachten neben ihren Instrumenten und den Noten das passende Gebäck mit: Gewürzplätzchen nach einem Rezept aus dem 16. Jahrhundert, die neben Muskat und Zitronenschale Kümmel enthielten und – very british – den damaligen Geschmack präsentierten.
Und der war durchaus erlesen. Thomas Tallis, Christopher Tye, John Dowland oder William Byrd gehören für uns zu den größten Komponisten der Insel, stets und vor allem verbunden mit Gesangs- oder Consort-Musik. Johanna Bartz und Mira Lange hatten eine ganze Reihe von Werken mitgebracht, allesamt nicht original für ihre Instrumente komponiert, aber dafür eingerichtet, wie man es damals schon gemacht hat. Und so kehrten verschiedene Variationen und Verarbeitungen gleicher Themen wieder, Varianten des In nomine, aber auch verschiedene (Auf)fassungen, die auf englischen Liedern wie »Bonny sweet Robin« oder »My Robin is to the greenwood gone« fußten.

Nicht nur Gewürzplätzchen oder In nomine waren »in«, auch die Melancholie. Manche Werke beschrieben gar deren Anatomie, die Komponisten spürten ihr nach und stilisierten sie zum Genuß, wie einige Lachrymae-Stücke zeigten. Glücklicherweise vertieften die beiden Musikerinnen die stilisierte Traurigkeit jedoch nicht zu sehr – »Ye sacred muses« wandte sich den schönen Genüssen bzw. Musen zu.

In ihrem moderierten Konzert erklärten Mira Lange und Johanna Bartz nicht nur die Musik und ihre Zeit, die Herkunft und manche Zusammenhänge, sondern ebenso ihre Instrumente. Denn das Virginal ist mehr als nur eine »Spielart« des Cembalos oder des Spinetts, hat seine eigene Bauform und Charakteristik, vor allem im Klang. Ebenso sind die Renaissance-Flöten noch weit von der Querflöte entfernt, wie von der Traversflöte. Im Grunde nur ein einfaches Rohr mit einem Anblas- und sechs Grifflöchern, ist die Bauform ungemein einfach – selbst Traversflöten sind in der Regel dreiteilig, weshalb man sie aber auch stimmen kann. Mit dem Renaissance-Traverso ist das nicht möglich, allerdings umfaßt ihr Umfang trotzdem bis zu zweieinhalb Oktaven! Stimmtonänderungen kann man nur durch das Anblasen herbeiführen, gleichtönende Instrumente, etwa für ein Consort, bekam man, wenn man beim selben Flötenbauer einen ganzen Satz bestellte.
So einfach dies sein mag – geklungen hat es zauberisch! Die sprichwörtliche Nachtigall bezog sich übrigens auf ein Zitat über William Byrd, von dem gesagt worden war, er sei »Nightingsle’s own brother« (der echte Bruder der Nachtigall). Neben Stücken der berühmten Komponisten waren Werke von William Inglott, Jan Jakob van Eyck oder Henry VIII. zu hören – auch England hatte also seinen Friedrich den II. (der Preußenkönig spielte bzw. dilettierte und komponierte auf der Traversflöte).
Die gespielte Musik stammte aus so berühmten Sammlungen wie dem Fitzwilliam Virginal Book oder Seven Tears, geradezu verwegen klingt der Name »Fluyten Luft-hof« (Jan Jakob van Eyck). Die Musik wiederum erwies sich oft als liedhaft, offenbarte Varianten oder frühe Formen von Prélude oder Allemande, konnte perlen, schluchzen und schlagen – wohl ungelogen eines der zauberhaftesten Konzerte dieses Jahres in der Hoflößnitz!
Kein Wunder, daß die Besucher danach noch kurz verweilten. Die Einladung, nach dem Konzert mit den Interpreten ins Gespräch zu kommen, wird oft nur von einer Handvoll Experten und Liebhaber genutzt. Gestern blieb das Publikum fast geschlossen und umringte die beiden Musikerinnen, die noch etwas erzählten: die Flöten sind selbstverständlich Nachbauten, haben aber originale Vorlagen, welche die Zeiten mit Glück überstanden haben – in der Accademia Filarmonica di Verona blieben sie irgendwann liegen, weil sie zu unmodern waren, um sie noch zu verkaufen (und zu spielen). Glück gehabt, denn die meisten der simplen Flöten – sie sind ja aus Holz – landeten damals irgendwann im Ofen …
11. November 2024, Wolfram Quellmalz
Das erste Kammerkonzert der Hoflößnitz im nächsten Jahr findet am 27. April statt.