Sichten hinterfragen

Heinrich Schütz Musikfest vereint Musik und Theater auf inspirierende Art

In Dresden kehrt das Heinrich Schütz Musikfest (HSM) nicht nur in Kirchen ein, sondern sucht andere und neue Orte auf. Solche, an denen Heinrich Schütz nie gewesen sein konnte. Am Sonnabend empfing der Dresdner Hofmusik e. V., der das HSM auch in diesem Jahr als Partner unterstützt, seine Gäste im Societaetstheater. Das Ensemble Fantasticus (Rie Kimura / Violine, Pieter-Jan Belder / Cembalo, Robert Smith / Viola da gamba) sorgte für die Musik und hatte sich vor allem für Triosonaten von Dieterich Buxtehude entschieden, mit dem sie sich zuletzt intensiv befaßt haben (neue Aufnahme in diesem Jahr). Die affektreiche Klangsprache der drei Instrumente und die verblüffende wie unterhaltsame Vielseitigkeit der Ausdrucksweisen wäre allein schon den Besuch wert gewesen, doch rückte das zum Programm gehörende Schauspiel mehr und mehr in den Vordergrund.

Christian Klischat, Ensemblemitglied am Staatstheater Wiesbaden, gelang mit Lot Vekemans‘ Text »Judas« eine Gratwanderung, welche die Sicht auf Jesus‘ Jünger Judas Iskariot und die gesamte Geschichtsschreibung, wie sie durch die Evangelisten in den Passionen überliefert ist, neu beleuchtete. Unser Bild Judas‘ scheint fest und geprägt, er als Person, als Verräter, eindeutig »eingeordnet«. Aber ist dies die ganze »Wahrheit«?

Christian-Klischat als »Judas«-Erzähler, Photo: © Friederike-Lüdde

»Was ist Wahrheit?« fragte der Abend im Societaetstheater (Veranstaltungstitel) vielschichtig. Christian Klischat gab ebensowenig eine klare, eindeutige Antwort, wie er Wahrheit oder ähnliches schematisch und abgegrenzt definiert hätte. Gerade das überzeugte, daß er den Zweifel in den Mittelpunkt rückte. Schließlich sind Zweifel zum Beispiel für jeden Wissenschaftler – noch vor der Frage – der Ausgangspunkt oder Impuls. (Die Frage folgt erst später.)

Dabei band Christian Klischat das Publikum gekonnt ein, wandte sich mit Fragen an die Zuhörer, hob aber schon anfangs die Grenzen auf, in dem er darauf verwies, daß er »jetzt anfange«. Der Abend fand quasi in verschiedenen Ebenen statt – der äußerlichen des Theaters als Veranstaltungsort mit den Akteuren und den (passiven?) Zuschauern, mit Eintrittskarten und Requisiten, und einer inneren oder höheren Ebene, jener, wo Judas erzählt.

Judas erinnerte sich an seinen Lebensweg, beginnend bei der Geburt, bis zu den letzten drei Jahren. Jene drei Jahre, die seine und Jesus‘ letzte sein sollten. Noch bevor Lot Vekemans‘ kluger Text die Maßstäbe in Frage stellt, nach denen in der Geschichte gerichtet wurde und die wir übernommen haben, zeigt er die Lücken auf, welche die Überlieferungen kennzeichnen. Wir kennen ja nur einen Teil der »Wahrheit« – von vielem dazwischen wissen wir aber nichts. Und selbst das, was überliefert scheint, erweist sich bei näherer Prüfung als nicht unbedingt zuverlässig. Es gibt andere Möglichkeiten und Sichtweisen, nicht nur einen Keim, sondern jede Menge Zweifel …

Doch das großartige an diesem Abend war, daß Christian Klischat zu keinem Zeitpunkt belehrend auftrat, nie einen »Wissensvorteil« ausspielte und das Publikum überraschte. Er schlüpfte bis in tiefste Emotionen von Einsamkeit und Verzweiflung in die Rolle Judas‘, vermochte jederzeit die Perspektive oder zwischen den beiden Ebenen der Aufführung zu wechseln. So blieb seinem Spiel sogar etwas Amüsantes erhalten.

Fantasticus, die ihrerseits dem Schauspieler gebannt zu folgen schienen, waren für einmal in eine Nebenrolle gedrängt, die sie aber glänzend ausfüllten, denn die silbrigen, seufzenden oder singenden Stimmen umschlossen die Teile der Aufführung, banden neben Buxtehude Marin Marais und sogar einen neuen Übergang ein, den Robert Smith selbst geschrieben hatte. Nach dem mißglückten Dresdner Auftakt zuvor war dieser Abend eine absolute Bereicherung!

Noch bis zum kommenden Sonntag kehrt das HSM mehrfach in Dresden ein. Neben einem Konzert des Ensembles Ælbgut (Mittwoch / Loschwitz) und einer Quellenpräsentation am Donnerstag in der SLUB sei daher besonders auf das Konzert »Transzendenz« hingewiesen. Am Freitag erklingt »Prosopopeia – A Study of Personification« der Komponistin Lucia Ronchetti nach den Musikalischen Exequien SWV 279–281 von Heinrich Schütz mit Texten von Torquato Tasso, Pierre de Marbeuf, Richard Crashaw und anderen. Trauerredner Eric Wrede soll in der Dreikönigskirche (Beginn: 18:30 Uhr) für die Impulse sorgen.

5. Oktober 2025, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: Dieterich Buxtehude, Sämtliche Kammermusik, Fantasticus, Pieter-Jan Belder, 3 CDs erschienen bei Brilliant Classics

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