Teilchenzerfall beim Heinrich Schütz Musikfest

Auftakt »Mikrokosmos« in Dresden geriet fragwürdig

»Weltsichten« lautet das Motto des diesjährigen Heinrich Schütz Musikfestes (HSM), das die Kluften nicht nur seit Schütz »Zwischen den Zeiten« überbrücken möchte. Im Grunde gilt das in jedem Oktober beim HSM, variiert unter anderem mit den Residenzkünstlern. In diesem Jahr hat Gregor Meyer, Leiter des GewandhausChores, die Position inne. Sein Auftritt beim ersten Konzert des HSM im Heinz-Schönfeld-Hörsaal der TU Dresden am Freitag konnte jedoch nicht überzeugen.

Die Idee war (und ist), Heinrich Schütz‘ Musik nicht nur Klänge aus unserer Zeit gegenüberzustellen, sondern auch einen thematischen Spiegel zu schaffen, weshalb Elena Hassinger, die sich als Forscherin (Professur für Tieftemperaturphysik komplexer Elektronensystem) mit Supraleitern beschäftigt, für Impulse sorgen sollte. »Mikrokosmos« hieß das Programm des Dresdner Auftakts und Festkonzerts beim HSM.

Konzert »Mikrokosmos«, Aufführung in der TU Dresden, Photo: HSM, © Ronald Bonss

Musikalisch steuerten Sopranistin Viola Blache, Matthias Knoche (Tenor, Bariton und Vokalperkussionist) sowie Tenor Yoed Sorek mit ihren Stimmen die Texte bei, Ali Pirabi (Santur, eine Art Psalterium oder mit Schlägeln gespielter Zither), Christoph Sommer (Laute) und Residenzkünstler Gregor Meyer (Orgel) übernahmen die Instrumentalbegleitung, die um elektroakustische Anteile von Philipp Rumsch erweitert wurde. Er sorgte nicht nur für ein Gegenüber zu den klassischen oder historischen Instrumenten, sondern band sie live elektronisch ein. Bereits diese Übergänge verwischten allerdings manche Konturen – ein Mangel, der den ganzen Abend prägte. Oder lag es ganz einfach daran, daß mit Elena Hassinger, Gregor Meyer und Philipp Rumsch zu viele »Köche« am Konzept beteiligt waren?

Statt konzentrierter Texte mit einer Botschaft verloren sich manche der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz in einer für diesen Zweck unzureichenden Akustik. Was in einer Kirche oder Kapelle einen Sinn ergeben hätte – zwei Sänger in Teilen des Raumes, etwa Kreuzgängen oder Schiffen, gegenüberzustellen, verlor auf den Stufen des Hörsaals seine Wirkung. Eher litt die inhaltsorientierte Darstellung von Texten, die Gestaltung von Übergängen und Anschlüssen. Eine affektive, fokussierte Interpretation wurde durch die elektronische Zumengung nachhaltig gestört. Was bitte hat Heinrich Schütz mit Musik zum Chillen zu tun? (Er fand Momente der Entspannung auf ganz anderem musikalischen Weg!) Oder mit Elektropop, dessen widerwärtige Baßschläge ekeln konnten?

Elena Hassinger erklärt die Quantenphysik, Residenzkünstler Gregor Meyer (hinten) hört zu, Photo: HSM, © Ronald Bonss

Heinrich Schütz hat mit Verlaub seine Musik dem Publikum nicht vor die Füße gerotzt, sondern zugewandte Werke geschrieben und sich dezidiert um die Aufführungspraxis bemüht. Gerade weil er wußte, daß andere Musiker andere Voraussetzungen haben, hat er in seinen Vorworten ausführlich dargestellt, was ihm am Herzen lag, wie seine Werke aufzuführen sind und welche Ausweichmöglichkeiten es in Stimmen, Besetzung, Aufstellung gibt. Im Zentrum standen stets das Wort und die Botschaft. Davon war am Freitag nichts zu spüren. Das Festkonzert bekam eher ein »Geschmäckle« nach Selbstdarstellung der Vielfalt eines »multidisziplinären, interkulturellen Ensembles« (Eigenbeschreibung im Programmheft). Heinrich Schütz geriet dabei leider ins Hintertreffen.

Matthias Knoche und Yoed Sorek sangen, schrien zum Teil die Texte, manche der neuen oder bearbeiteten Stücke erklangen auf (vermutlich) hebräisch und arabisch. Was es genau war und warum, ob es sich um dieselben Texte handelte, die Schütz verarbeitet hatte, oder andere, diese »Brücke« war im Konzept leider nicht verankert.

Nun sagt niemand, daß die Musik Heinrich Schütz‘ oder Alte Musik generell nur auf die eine, wahre Art musiziert werden dürfe. Im Gegenteil – Schütz hat wie oben erwähnt ja bereits eine Vielfalt angelegt. Auch das HSM hat in der Vergangenheit viele, teils wagemutige »Brücken« geschlagen: Dorothee Mields sang in der Annenkirche Lieder von Friedrich Holländer (2018), La Tempête brachten 2019 einen Evangelisten in die Frauenkirche, der eine byzantinische Gesangsform pflegte, 2016 sorgten »Babylonische Träume« in der Yenidze für eine gelungene Begegnung von Orient und Okzident. Zu den schönsten Erinnerungen des Rezensenten zählen das »unzeitgemäße« Duo Les inAttendu, das Viola da gamba und Akkordeon vereinte sowie ein Programm, das 2017 die Spannungen zwischen Musik und Stille ebenso vor Ohren führte wie die religiösen Spannungen englischer Komponisten, die der Historiker Gerhard Poppe belegte. Das Gambenconsort Phantasm trug das seine zur einzigartigen Atmosphäre bei. Ort war übrigens die Transformatorenhalle der TU Dresden, nur wenige hundert Meter vom Aufführungsort am Freitag entfernt.

Solche Spannungen fehlten im Heinz-Schönfeld-Hörsaal, auch gelang es Elena Hassinger leider nicht, wirkliche Impulse zu setzen. Ihr sehr schlichter, aber etwas holpriger Einstieg in die Quantenphysik in fünf Abschnitten eines Vortrags ließ die Möglichkeiten, einen Impuls zwischen Physik und Musik weiterzugeben, mit Ausnahme der Frequenzen beim Stimmen einer Lautensaite, fast aus.

4. Oktober 2025, Wolfram Quellmalz

Der Dialog »Zwischen den Zeiten« wird fortgesetzt und findet mit dem Programm »Makrokosmos« (St. Marienkirche Weißenfels) seinen Abschluß.

Das Heinrich Schütz Musikfest findet bis zum 12. Oktober statt.

http://www.schuetz-musikfest.de/

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