Ein bißchen Spanien im Oktober

Elbland-Philharmonie führt in wärmere Gefilde

Nicht nur äußerlich oder den Daten nach, auch im Temperament sind die Werke des aktuellen Konzerts »Spanischer Mozart« der Elbland Philharmonie Sachsen wärmer, glutvoller, dramatischer. Konzertdramaturg Thomas Herm fand Anknüpfungen für beide Attribute des Titels: die Ouvertüre »Ruy Blas« von Felix Mendelssohn, dem man schon als Jugendlichen mit Mozart verglich, entstand ursprünglich für eine Schauspielaufführung von Victor Hugos »Ruy Blas« und folgt einem spanischen Sujet. Die anderen beiden Komponisten des Abends waren – wie Mozart – an einem 27. Januar geboren. Daß sich das spanische Element ebenso in der Musik nachvollziehen ließ und Brücken zu anderen Komponisten oder Stilen bot, war um so schöner und half, den Programmtitel zu verinnerlichen.

Für Carlos Domínguez-Nieto war es am Donnerstag eine Premiere, denn er dirigierte erstmals ein Konzert in der Marienkirche Pirna. Daß er den Hall dabei manchmal unterschätzte, wog weniger schwer, denn er fand dafür bereits in der Ouvertüre eine angemessene Dramatik. Und schließlich müssen bei Mendelssohn nicht immer die leichten Streicher tragen, auch wenn man dies gewohnt ist – hier beeindruckte vor allem der dunkle Blechbläserchor zu Beginn sowie die im Verlauf zusammenwachsenden Streicher und Holzbläser.

Portrait von Juan Crisóstomo de Arriaga, Bildquelle: Wikimedia commons

Mit Yuki Manuela Janke, Konzertmeisterin der Sächsischen Staatskapelle, hatte die Elbland Philharmonie erneut eine Solistin gefunden, die spieltechnisch höchstes Niveau zu bieten wußte. Zudem hatte die Geigerin offenbar Lust und Mut, sich in Édouard Lalos Symphonie espagnole für Violine und Orchester d-Moll zu steigern. Der Bestandteil »Symphony« im Namen ist irreführend – das Opus 21 des gebürtigen Franzosen mit spanischen Wurzeln ist ein vollwertiges Violinkonzert, zudem ein höchst virtuoses, wenn nicht capricieuses. Die Violine folgt darin rhapsodischen Abschnitten ebenso, wie sie Sprünge, Läufe und Tänze vollführt, denn unverkennbar treten immer wieder Rhythmen von Habanera bis Bolero zutage.

Für Yuki Manuela Janke war dies kein Problem. Sie entfachte schon zu Beginn den herben Charme einer Carmen, hatte mit Kantabilität ebensowenig Mühe wie mit Virtuosität. Carlos Domínguez-Nieto sorgte nicht nur für Ausgewogenheit zwischen Solistin und Orchester, sondern gestaltete die vielfachen Wechsel in der Dynamik packend. Die dunklen Tiefen des vierten Satzes erinnerten an Mendelssohns Ruy-Blas-Chor.

Für die Zugabe ließ sich Yuki Manuela Janke noch etwas Temperamentvolles gefallen – Niccolò Paganinis Caprice Nr. 24.

Nun stand wieder einmal die Frage im Raum, was denn der Höhepunkt des Abends gewesen war (oder sein würde): der Auftritt der Solistin in einem ungewöhnlichen Werk oder die abschließende Sinfonie, jetzt nicht nur dem Namen, sondern auch der Form nach, die ebensoviel Beachtung verdiente? Juan Crisóstomo de Arriaga, von dem der Programmtitel entlehnt war, wurde bereits zu Lebzeiten als »spanischer Mozart« betitelt, starb allerdings noch früher als der ohnehin zu jung gegangene Salzburger und wurde nicht einmal zwanzig Jahre alt! Die wenigen Werke, die zu schreiben de Arriaga Gelegenheit hatte, sollte man also um so besser hüten.

In der Sinfonie D-Dur (Sinfonía a gran orquesta, 1824) wuchs die Elbland Philharmonie fast über sich hinaus und offenbarte eine zugängliche, herzliche, überraschende Musik: Dem achtzehnjährigen Komponisten hatte es keineswegs an Einfällen und eigener Handschrift gemangelt, dennoch waren Anknüpfungen an Vorbilder unverkennbar. Wobei man weniger Mozart in Juan Crisóstomo de Arriagas Sinfonie wiederbegegnete als Beethoven und Haydn! Was allein schon eine interessante Kombination ist, wenn man sie trotz ihres Altersunterschiedes (und jenem zu de Arriaga) auf eine zeitliche Stufe stellt.

Die Dunkelheit ging diesmal von den Streichern aus, worauf die Holzbläser ein helles Echo fanden. Besonders die weiche Linienführung der Streicher erinnerte an Beethoven. Besonders gefielen an diesem Abend aber der geschmeidige Ton und das Quartett der Holzbläser. Nachdem letztere bis zum Fagott die Motive verarbeitet hatten, durfte die Flöte besonders im Menuett solistisch hervortreten. Darüber hinaus standen die Anklänge an Beethoven im Kontrast zu Haydn, der sich besonders in der Gediegenheit von Allegro und Andante zeigte.

3. Oktober 2025, Wolfram Quellmalz

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