Wie vom Blatt

Niklas Jahn improvisierte in der Dresdner Frauenkirche

Improvisieren kann ein Organist auf mindestens drei Arten: Zunächst versteht man darunter das freie Phantasieren zu einem gewählten oder erdachten Thema inclusive aller (teils unvorhersehbaren) Abschweifungen, die sich vollkommen vom Ausgangspunkt entfernen dürfen. Natürlich kann er aber auch in einer vorgegebenen Form und Art, im Stile von … spielen. Im kirchlichen Dienst gilt es aber oft und vor allem, in Gottesdiensten liturgische Übergänge zu begleiten, etwa, indem während des Abendmahls über einen Choral phantasiert wird. Das sollte dann nicht zu freizügig sein, damit der Choral erkennbar bleibt und vom eigentlichen Geschehen nicht abgelenkt wird – die Ausschweifungen entfallen also. Zudem gibt der liturgische Ablauf (Abschluß des Abendmahls) den Rahmen vor.

Am Mittwoch präsentierte Frauenkirchenorganist Niklas Jahn im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ die ersten beiden Varianten des Improvisierens. Ganz so frei, wie der Programmtitel »Innovation und Kreativität aus dem Stegreif« vorgab, konnte es allerdings nicht sein, denn allein drei der fünf gespielten Werke orientieren sich verhältnismäßig streng an der klassischen Formensprache und spielten mit deren Ausprägung bis hin zu im vorhinein festgelegten fünf Sätzen einer französischen Orgelsinfonie.

Niklas Jahn; Photo: © Marvin Laibold

Gleich zu Beginn improvisierte Niklas Jahn über ein Präludium und Fuge sowie über eine Triosonate – beide im deutschen Barockstil. Vater Bach lag da nicht nur gedanklich nahe, sondern schien Ideenspender zu sein und den Stil vorzugeben. Im Verlauf der Stimmen, der Kontrapunktik und dem Verlauf der Motive hätte hier tatsächlich Johann Sebastian vermutet werden können, bis hin zu den teils in der zweiten Stimme verwobenen Chorälen oder choralähnlichen Themen. So wohnte der Fuge ein »Alles, was Odem hat« inne, und auch die improvisierte Triosonate mit ihrem Kontrast von fröhlichem Allegro und sanglichem Adagio legte im Vivace noch ein Liedmotiv hinzu. Inwieweit dies spontan geschah oder doch zumindest gedanklich vorgefaßt war, läßt sich schwer sagen und ist an sich beim Hören unwichtig. Beeindruckender war, daß Niklas Jahn seine Hörer mit solchen Phantastereien durchaus aufs Glatteis führen könnte, wenn man raten sollte, wie der Komponist solcher Stücke hieß.

Wer sich über den Zustand des Beeindrucktseins von dieser Handwerkskunst hinaus anregen lassen wollte, der fand wohl Gefallen an den beiden mittleren Werken, wobei es sich nun um freie Improvisationen im Sinne des oben zuerst genannten handelte. Der Frauenkirchenorganist hatte sich dafür einmal »Apokalypsis« als abstraktes Thema ausgewählt sowie das Bild »Die zerrinnende Zeit« von Salvador Dalí. Das erste Stück begann mit einem knallenden Pochen bzw. Klopfen, noch ohne Pfeifenton, das einen Rhythmus vorgab, bevor Baßtöne hinzutraten. Langsam dämmerten diese herauf, umwölkten zunächst das Tongebilde, wurden deutlicher und wuchsen zum kraftvollen Sturm, einer reißenden Flut, die sich mit Stakkato in den Obertönen in eine beachtliche Höhe schwang. Von dort klang sie wieder ab, bis nur das Pochen des Anfangs blieb.

Ein Impuls oder Auslöser ist für jede Improvisation wichtig, also eine Vorlage. Diese kann gedanklicher oder thematischer Natur sein, aber auch ein Bild umfassen. Im kommenden Jahr will Niklas Jahn das Vorgehen noch ausbauen, indem er zu einem Livepainting improvisieren wird. Am Mittwoch diente ihm Dalís Bild als Vorlage, dessen eigentlicher Titel »Die Beständigkeit der Erinnerung« einen wesentlichen Teil des Improvisierens widerspiegelt, denn Erfahrungen und Erinnerungen gehen incl. deren Abwandlungen und Irrtümer in den Schöpfungsprozeß ein. Die Improvisation begann mit einem repetierenden Ton, entwickelte sich bald in tatsächlich uhrwerksähnliche Passagen mit Wiederholungen, Überschneidungen und einem allmählichen Abgleiten.

Mit einer Symphonie pour Grand Orgue in fünf Sätzen schloß Niklas Jahn seinen Orgelabend ab. Wie schon zu Beginn orientierte sich das Werk an Originalen, in diesem Fall Orgelsinfonien wie von Charles-Marie Widor oder César Franck. Sein Allegro maestoso ließ Niklas Jahn zum Hymnus wachsen, mit Cantabile, Scherzo und Adagio blieb er in den traditionellen Formen – man hätte kaum unterscheiden können, was hier spontan erdacht oder im vorhinein notiert worden ist –vieles wirkte wie vom Blatt gespielt. Das Final durfte noch einmal imposant wachsen.

2. Oktober 2025, Wolfram Quellmalz

Am 22. Oktober ist Niklas Jahn wieder an seiner Hausorgel zu erleben. Dann heißt es mit Werken von Maurice Duruflé, Oliver Messiaen und César Franck »Délices français. Ein Ausflug in die französische Küche«.

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