a-cappella-Konzert des Dresdner Kammerchore
Seit 40 Jahren gibt es den Dresdner Kammerchor, bleibt er sich treu im Klangbild und der Ästhetik, in der Annäherung an neue und alte Werke. Trotzdem erneuert er sich immer wieder von innen heraus. Die Jubiläumsspielzeit blickt gleichermaßen zurück wie voraus. Die Konzerte der a-cappella-Reihe ZentralVokal finden jeweils an einem Dresdner Ort und einmal außerhalb statt, diesmal am Vortag in der Kreuzkirche Chemnitz-Klaffenbach.
Die Aspekte der Erneuerung und des Vorausschauens wurden am Sonnabend in der Dresdner Annenkirche besonders deutlich. Berührte der erste Teil von ZentralVokal (»Loben«) in dieser Spielzeit mit Heinrich Schütz und Johann Hermann Schein Kernpunkte des Repertoires der Alten Musik, hatte Hans-Christoph Rademann diesmal die romantischen Komponisten Robert Schumann und Johannes Brahms als »Älteste« aufs Programm gesetzt. Wilfried Krätzschmar, der im September noch eine Impulsrede gehalten hatte, war diesmal mit einer Uraufführung zu hören.
Das »Preisen« (Motto) begann mit Benjamin Brittens »Hymn to St. Cecilia« (Opus 27), das die Schutzpatronin der Musiker anruft. Schon hier wurde ein weiterer Aspekt hörbar, jener der Helligkeit bzw. des Lichts. Licht und klar zeichnete der Dresdner Kammerchor die Worte von Wystan Hugh Auden nach, stattete »garden«, »ocean« oder »blonde Aphrodite« mit einer atemberaubenden Dynamik aus, die im dritten Teil mit Chorsolisten (Sopran: Fanny Lamers) noch einmal gesteigert wurde. Die weit aufgespannte Stimmbalance zwischen höchsten Sopranen und melodiösen Bässen war herrlich!
An diese Dynamik schloß Dirigent Hans-Christoph Rademann mit »O sacrum convivium« von Olivier Messiaen an, wiewohl das Werk in einem geradezu dunklen, fast stehenden Moment beginnt. In eine tonale Ruhe sank der knappe Text wieder zurück, doch dazwischen offenbarte sich eine expressive Steigerung des Lichtes – einnehmend! Nicht zuletzt, weil sich diese Darstellung mit dem Gedanken der Heiligkeit oder des Lobpreisens so unmittelbar verbinden ließ, selbst wenn Worte wie »Lobpreis« nicht aufgriffen wurden.
Was bei Britten und Messiaen für einen direkten, mitreißenden Eindruck gesorgt hatte, schien bei Robert Schumann und Johannes Brahms allerdings zu viel. Schumanns Doppelchörige Gesänge Opus 141 mit ihrer Naturzugewandtheit sind allerdings ein Preisen, auch Johannes Brahms‘ auf Bibelverse zurückgehende Fest-und Gedenksprüche Opus 109 sind damit verbunden. Nicht zuletzt gab sich Schumann mit »Sterne, in des Himmels Ferne!« als Vertreter der Romantik zu erkennen, dessen Werk man gar nicht der Epoche zuordnen muß – es kennzeichnet und definiert dieselbe vielmehr umgekehrt! Doch die stark beanspruchte Dynamik führte hier zu einer Überbetonung und zu mächtigen Ausdruckskraft – beeindruckend schon, dennoch zu laut, was trotz ausgezeichneter Artikulation bei Brahms außerdem das Verstehen erschwerte.
Zwischen den beiden Komponisten hatte Ekkehard Klemm eine Laudatio eingeflochten. Der langjährige Wegbegleiter des Dresdner Kammerchores nahm – das folgende »Wortmosaik« von Wilfried Krätzschmar aufgreifend – das Motto »Preisen« zum Anlaß, um die sieben Buchstaben mit allerlei Wortspiel (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) und die die bevorstehende Uraufführung einzukreisen.

Der Impulsredner des letzten Males hatte sich zum Impulsgeber gewandelt: Aus einen Satz, der Preisen und Licht in einen Zusammenhang bringt(»Media vita in cantus, media musica in lumine […] gloria« / Mitten im Leben Gesang, mitten in der Musik im Licht […] Gloria«) hatte Wilfried Krätzschmar ein tonmalerisches Gebilde entworfen, das im Gegensatz zu Messiaen in einem Moment hellsten Lichtes und größter Expressivität beginnt, den Chor mit Raunen, Summen und Vokalfragmenten als Klanginstrument (be)nutzt, aber immer wieder Worte, Silben, Satzteile hörbar werden läßt und ständig Anreize, Anknüpfungspunkte schafft. Hier gerieten Farbpartikel, Lichtreflexe und Inhalt in Wechselspiele, die extemporiert, wie improvisiert wirkten!
Dieser lichteste Moment durfte nicht der Abschluß bleiben, weshalb der Dresdner Kammerchor noch Felix Mendelssohns »Die Nachtigall« zugab. Da schienen Goethes Worte (»Was neues hat sie nicht gelernt, singt alte, liebe Lieder.«) mit einem Mal aus der Zeit gefallen!
8. März 2026, Wolfram Quellmalz
Im nächsten Konzert von ZentralVokal am 31. Mai erklingt eine Uraufführung von Alexander Keuk, die Laudatio hält einer der Mitbegründer des Dresdner Kammerchores, Christian Schmidt-Doll (Annenkirche, im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele). Das Konzert vom Sonnabend wurde von Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet und am Mittwoch (11. März) 20:00 Uhr gesendet.