Der letzte Tanz

Konzertsaison der Sächsischen Staatskapelle endet mit einer Erstaufführung

Der vierte Aufführungsabend beschloß am Donnerstag die Spielzeit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Semperoper mit einem perfekt ausbalancierten Programm: ein Stück des zwanzigsten Jahrhunderts kombiniert mit einer Entdeckung und Deutschen Erstaufführung sowie ein Repertoireklassiker. Gelegenheit für Musiker und Publikum, einen letzten Eindruck von Orchesterklang und -solisten mit in die Ferien zu nehmen.

Zoltán Kodály und Béla Bartók haben Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, zunächst aus einem Mangel an verwertbaren Vorlagen, eine so beispiellose wie vorbildhafte Sammlung von traditioneller Musik angelegt. Nicht nur ungarische, sondern aus vielen Volksgruppen des Balkan. Die Aufzeichnungen von 14.000 (!) Melodien sind noch heute ein Schatz, natürlich hat Zoltán Kodály selbst bereits daraus geschöpft. Seine »Tänze aus Galánta« gehören zu den beliebtesten Werken der Art, die verschiedene Idiome, Charaktere und Stimmungen vereinigen.

Der Sächsischen Staatskapelle gelang in großer Kammerorchesterstärke mit Dirigent Gergely Madaras eine brillante Wiedergabe – daß man für weitgehend ungarische Musik zwingend einen ungarischen Dirigenten brauche, ist eine Mär. Viel wichtiger war jenes gemeinsame Verständnis, das sich am Donnerstagabend zeigte. Den Charakter machte nicht allein ein Temperament aus, sondern viele Facetten und Stimmen der Musik.

Dirigent Gergely Madaras erwies sich nicht nur beim ungarischen Programmteil als feinfühliger Leiter, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Kodálys Tänze gehen ineinander über, vereinigen kantable Melodiebögen mit Schwerpunkten von Orchestergruppen und typischen Kapellqualitäten. Zunächst bildete die Cellogruppe so ein klangvolles Zentrum, das sich aber verschob. Den Schwerpunkt ließ Gergely Madaras nicht nur instrumental wandern, sondern veränderte auch Tempi, bot in langsamen Passagen einen lasziven Eindruck. Trotzdem gerieten die Tänze zu keiner Zeit üppig, eher luftig. Die Klarinette wirbelte sie zuerst auf, köstlich gelang Robert Oberaigner die Kadenz, die an Roma-Gesänge erinnerte. Die Hörner (Solo: Zoltán Mácsai) sorgten für eine goldene Stütze, die Piccoloflöte (Dóra Varga-Andert) bot den wohl luftigsten Aufstieg. Schlagwerke (Triangel) bewahrten den lockeren, flotten Zusammenhang, am Ende fanden Klarinette und Flöte (Sabine Kittel) zu einem erfrischenden Wechselgesang.

Michael Goldammer im Kollegenkreis als Solist, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Kapellmitglied Michael Goldammer (Solo-Englischhornist) führte sein Instrument danach auf ganz besondere Weise vor, denn es gab mit Gustave Vogts Konzert für Englischhorn und Orchester eine Ausgrabung und Deutsche Erstaufführung. Vogt gehört zu jenen Orchestermusikern (Pariser Oper), die nebenbei eine ganze Reihe Werke für ihr eigenes Instrument schrieben. Die Herkunftsgeschichte des Englischhornkonzerts, welche Fassung zum Beispiel die erste war, ist wegen Abschriften und Überarbeitungen nicht restlos geklärt, doch ein ungewöhnliches Stück ist es allemal. Wieder stand die Cellogruppe nicht nur im räumlichen Zentrum, denn Gustave Vogt hat einige Passagen als kammermusikalischen Dialog zwischen Violoncelli und Englischhorn verfaßt, während derer nicht nur die Bläser, sondern teilweise alle anderen Streicher schweigen.

Man könnte über die Bedeutung des Werkes streiten – wie schön, wenn es so superb vorgeführt wird! So kam kein Eindruck von musikalischen Unikum oder banalem Salonstück auf. Michael Goldammer kehrte vielmehr zwei entscheidende Qualitäten hervor: neben der Kantabilität war die Eloquenz (sprich: Zungenfertigkeit) mindestens ebenso wichtig. Zudem hatten andere Orchestermitglieder entscheidende Anteile: Neben den tragenden Streichern und den umrahmenden Hörnern sorgten gerade Posaunen und Trompeten mit strahlenden Überhöhungen für einen erfrischenden Kontrast.

Kontrastreich: Franz Schuberts »Tragische Sinfonie«, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Kontrast zeichnete auch die »Tragische Sinfonie« (c-Moll, D 417) von Franz Schubert aus. In ihr zeigten sich ganz besonders die Übergänge von Kammermusik und gehobener Sinfonik im Zusammenspiel. Der tragische Duktus, dicht und geschlossen, wechselte zwar wenig mit frohem Sinnen – Schubert hatte ihm statt dessen einen vitalen Antrieb, ein Vorwärtsdrängen entgegengesetzt, das Gergely Madaras eindrucksvoll in Szene setzte. Auch die Solisten, von der quicklebendigen Oboe (Bernd Schober) über die immer wieder lichten Flöten und die im Dialog mit dem Orchester parlierende Klarinette beteiligten sich daran, Schuberts »Tragische« aufzumuntern.

10. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

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