Kleine Szenen wachsen zum Podium-Abend an der Musikhochschule zusammen
Die Jahresproduktion der Opernklasse der Dresdner Musikhochschule (HfM) ist mehr als ein großes Projekt. Dahinter steckt nicht nur die Umsetzung einer Stück- und Inszenierungsidee, es bedarf zudem einer langen Entwicklung der Studentinnen und Studenten, die ihre Stimme entwickeln, sich selbst und ihren Körper kennen, sich vertrauen (oder es lernen) müssen. Wie drücke ich mich aus, zeige glaubhaft Emotionen, ohne sie zwingend selbst fühlen zu müssen? Wie erzähle ich eine Geschichte, wie stehe ich im Verhältnis mit den anderen Mitspielern, bilde ein Ensemble? Wer sich auf bloße Gesten verläßt, ist schnell unglaubwürdig, vor allem: jeder Darsteller braucht auf der Bühne eine Orientierung.
Das verdeutlicht vielleicht, wieviel Aufwand, Entwicklung und Vorbereitung dazugehört, wenn jemand an der Jahresproduktion teilnehmen darf. Können oder Talent allein genügen eben nicht. Daher gibt es in verschiedene Ausbildungszweige, in denen Studenten nicht nur das »Handwerk« erlernen, sondern in Etappen Erprobungsräume finden. Am Mittwoch öffnete die HfM die Türen ihrer Probebühne für einen Einblick in die Arbeit. Das Podium Szenenstudium Oper war gleichzeitig eine Auftrittsmöglichkeit für die Teilnehmer des zweiten Studienjahres Gesang, um sich zu erproben.
Es ist ein nicht nur zahlenmäßig starker Jahrgang, hatte Dozent Horst-Otto Kupich (Operndirektor und stellvertretender Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau), der das Podium leitete, festgestellt. Singen genügt in der Oper bei weitem nicht, um die oben genannten Anforderungen zu erfüllen. Das Spiel, das Agieren, ist genauso wichtig, um eine Figur glaubhaft darzustellen. Insofern zählten gerade Szenen aus sogenannten Spielopern zum präsentierten Umfang.
Oft werden zu solchen Klassenabenden einzelne Szenen präsentiert, was die Herausforderung birgt, binnen kurzem und ohne Einleitung einen authentischen Handlungsabschnitt darzustellen. Horst-Otto Kupich hatte das formale Stück-für-Stück jedoch aufgebrochen und eine Rahmenhandlung geschaffen: Euridice (Fenja Anding) begeht Selbstmord, Orpheus bleibt zurück – ist er schuldig? In den kommenden Ausschnitten ganz unterschiedlicher Opern wurden die Themen Liebe, Treue, Schuld und Eifersucht immer wieder neu und anders gespiegelt. Das ging trotz ganz verschiedener Stilrichtungen überraschend gut auf, hatte Witz und zeigte bereits manche Stimme.
Altus Fabian Kolew durfte mit der ersten »echten« Nummer, Orpheus‘ Klage »Che farò senza Euridice« (Gluck, »Ach ich habe sie verloren«) den Abend beginnen und die gut eineinhalb Stunden auf der Bühne bleiben, wo er immer wieder ins Spiel einbezogen wurde – vor Orpheus‘ Augen ziehen Szenen seines Lebens vorüber, so die Idee des Podiums.

Die Szenen fanden sich bei Haydn, Händel, Lortzing, Nicolai – und immer wieder bei Mozart. Ob auf deutsch oder italienisch – an Mozart führt kein Weg vorbei. Er ist ja auch gut für die Stimme, sagt man, und so gab es manche kleine Entdeckung. Teils, weil sich Duettszenen in der Tat dramaturgisch entwickelten. Manche gediegen, wie Don Giovanni (Leopold Reiche), der Zerlina (Johanna Bohrig) umgarnte. Die Freunde Veit und Hans feierten das Wiedersehen in Albert Lortzings »Undine« mit einer Partie an der Spielekonsole, in der Sebastian Posen und Ivan Babich eine gehörige Spiellaune im doppelten Sinne entwickelten – Lortzing mit Verve! Ivan Babich war später noch als selbstgefälliger, aber gewitzter Falstaff im Duett mit Herrn Fluth (Ludwig Koch) zu erleben, dessen Gemahlin er umgarnt. Manchmal gibt es in der Liebe Streit, das wußten auch Masetto (Ludwig Koch) und Zerline (Johanna Bohrig), die ebenfalls mit Mozarts Don Giovanni eine Szene machten.
Im Streit wird es schnell lauter, aber ebenso in der Hektik: als Cherubino (Cora Hums) die Flucht ergriff, mußte Susanna (Fenja Anding) kurz aufschreien. Einen Freudenschrei gab es dagegen bei der Begegnung von Bellinis Norma (Victoria Gazda) und der Novizin Adalgisa (Cora Hums) – niemand soll sagen, ein kleines Opernpodium könne nicht Lebhaftigkeit entwickeln!
An Witz fehlte es ebensowenig. Lovis Kriese als Zauberin Melissa entwickelte für Amadigi (Fabian Kolew) in Händels »Amadigi« mütterliche Fürsorge, eine Szene mit Humor, wie auch das Duett von Pamina (Priya Tsivlina) und Papageno (Leopold Reiche). Immer wieder blitzten außerdem schöne Stimmen durch. Lu Wang entwickelte als Pamina ein ebenso feines Piano, wie Ludwig Koch seinen klangschönen Baß unter anderem als Osmin im Duett mit Belmonte (Sebastian Posen) einbrachte.
9. Juli 2026, Wolfram Quellmalz
In den kommenden Tagen gibt es an der HfM noch verschiedene Abschlußveranstaltungen und Podien.