Rheingold und Walküre
(Der Artikel erscheint wegen der vorrangigen Berichterstattung für die Tageszeitung verspätet)
Der »Jahrhundertring« liegt lange zurück, vor genau 50 Jahren hatte die Inszenierung von Patrice Chéreau auf dem grünen Hügel Premiere. In diesem Jahr feiern die Bayreuther Festspiele ihr 150. Jubiläum und damit des ersten »Rings« 1876. »Ring 10010110 – Vom Mythos zum Code« lautet der Titel der neuen Inszenierung (im Binärsystem die Summe aus: 1*128 + 0*64 + 0*32 + 1*16 + 0*8 + 1*4 + 1*2 + 0*1 = 150). Die Ziffernkombination entspricht dem binären Code für den Dezimalwert 150 und soll zum Jubiläum eine Brücke zwischen klassischem Mythos und digitaler Bühnentechnik mit Künstlicher Intelligenz schlagen. KI auf der Bühne, das hat in diesem Maßstab kaum jemand gewagt. Andererseits haben die Bayreuther Festspiele sowohl die Mittel als auch die Aufmerksamkeit, so etwas zu wagen. Nur »ins Blaue hinein« darf es natürlich nicht passieren.
Bayreuth war schon manchmal Vorreiter, bei Inszenierungen wie technisch. Jay Scheib brachte 2023 einen »Parsifal« heraus, bei dem ein Teil des Publikums mit Augmented-Reality-Brille zusätzlich zum Bühnenbild Elemente einblendet bekam. In diesem Jahr gibt es denselben »Parsifal« ohne Brille.

Versprochen hatte die Bayreuther Inszenierung ein KI-kreiertes Bild, das auf die (bildtechnisch) dokumentierten Inszenierungen der gesamten Bayreuth-Historie bezugnimmt. Aber nicht nur das: Marcus Lobbes, Kurator des Projekts, verwies auf 150 Jahre Rezeptionsgeschichte, wozu politische Lesarten, ästhetische Paradigmen, gesellschaftliche Projektionen und mehr gehörten.
Die Publikumserwartungen fielen unterschiedlich aus. »I don’t worry about the production« (»Ich mache mir keine Sorgen um die Inszenierung«) meinet eine Besucherin vor »Das Rheingold«, doch danach gab es auch am Mittwoch [12. August] noch einmal ein Buh-Gewitter im Festspielhaus. Es war der Beginn des dritten Ring-Zyklus‘. Jeder der Zyklen, – auch das ist Teil des KI-Konzepts – sollte trotz wesentlicher Gemeinsamkeiten individuell sein.

Und wie ist die digitale Realität auf der Bühne? Zunächst einmal bunt, vielfältig – und dann wirr. Dabei fängt es jeweils gut an, mit einer historischen Bühnenmalerei, die in den Hintergrund projiziert wird, davor stehen die an der Szene Beteiligten. Erst langsam, dann schneller ändert sich die Bühne, die KI mischt und verfälscht beständig, läßt Bilder oft nur Sekunden bestehen. Historische Photographien, Inszenierungsaufnahmen und weitere Dokumente werden verfremdet, die Bilder wandeln sich noch im Augenblick. Menschen zerfließen in architektonische Artefakte, erkennbare, deutbare oder vollkommen losgelöste Strukturen. Das beeindruckt den KI–Nerd, wer Zusammenhänge zur Handlung sucht oder eine historische Person erkennen und einordnen will, ist leicht genervt – kann sich die KI im Zeitmaß nicht an der Musik orientieren? Oder kann man es ihr nicht beibringen?
Die Digitalforscherin Sabine Sachweh verwies im Gespräch mit Kurator Lobbes (Programmheft): »derzeit ist es noch so, dass generative KI nicht wirklich originär kreativ ist.« Aber sie verstehe es, »Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und Muster zu kombinieren.« »Sie verfügt weder über ein Bewußtsein noch über ein historisches Verständnis. Die Maschine weiß also nicht, was ›Bayreuth‹ bedeutet, aber sie kann Beziehungen herstellen.« Das ist allerdings längst bekannt, zudem gibt es vom Kurator über die Dramaturgie bis zur Bühne es ein siebenköpfiges Team – hätte man die KI nicht mehr an die Hand nehmen können?
Dafür begeistert der Bayreuther Ring musikalisch uneingeschränkt, wieder mit manchen Stimmen, die wir in Dresden, sei es in der Semperoper (ebenfalls mit Christian Thielemann) oder in Marek Janowskis konzertantem »Ring« mit der Dresdner Philharmonie erlebt haben. Im Graben läßt Christian Thielemann seinen zweiten eigenen Bayreuther Ring (nach 2006 bis 10) das Bayreuther Festspielorchester (ebenfalls mit Beteiligten aus der Sächsischen Staatskapelle) gären, brodeln und zischen, oben sorgt Marie Henriette Reinhold für einen der ersten Höhepunkte. Wie Christian Thielemann das »Rheingold« erwachen läßt, die Bläsergruppen schichtet, einen Ur-Ton schafft – noch ganz ohne Bild – das saugt jeden Zuhörer regelrecht ein. Danach sind Katharina Konradi (Woglinde), Natalia Skrycka (Wellgunde) und Marie Henriette Reinhold (Floßhilde) die vielleicht erfrischendsten Rheintöchter, die Bayreuth erlebt hat. Dazu bestechend verständlich. Marie Henriette Reinhold kehrt anderentags als eine der Walküren (Grimgerde) zurück.

Damit ist sie nicht die einzig, die verschiedenste Rollen ausfüllt. Zuerst und kaum nachzuvollziehen: Klaus Florian Vogt ist in diesem Ring Loge, Siegmund und Siegfried und damit in jedem Ring-Viertel präsent. Der fiese Loge scheint ihm eigentlich nicht zu liegen, stimmlich nicht so ganz (auch wenn es ein Tenor ist), vor allem nicht im Charakter. Das Bayreuther Publikum feierte Vogt dennoch – ein wenig Lokalheldentum darf sein. Übertroffen wird er beim Applaus nur von Christian Thielemann und Michael Volle, dessen volltönender, menschlicher Wotan unter die Haut geht. In seinem Konflikt mit Fricka, in dem um Leben geschachert wird wie auf einem Basar (Walküre, zweiter Aufzug), hört man von Wotan jedes Wort, während Anna Kissjudit allerdings kaum zu verstehen ist.
Ein Gänsehautmoment gelingt mit Christa Mayer, die als Erda Wotan warnen will. »Weiche Wotan, weiche«, wozu die KI für einen kurzen Moment eine grünblaue Umgebung spendiert, ist einer der gelungensten Augenblicke der ersten Ring-Hälfte. Auf den Bühnendampf könnte man in der Tat getrost verzichten, wenn das Bayreuther Festspielorchester den Walkürenritt inszeniert. Christian Thielemann macht daraus kein Effektstück, sondern beläßt das Stück als Teil des Handlungsbogens.
14. August 2026, Wolfram Quellmalz
Fortsetzung folgt