Andreas Fischer beim Dresdner Orgelzyklus
Am Mittwoch gastierte der Kantor und Organist der Hauptkirche St. Katharinen Hamburg, Andreas Fischer, im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ in der Katholischen Hofkirche (Kathedrale). An der Silbermann-Orgel dort dürfte er sich gut aufgehoben gefühlt haben, denn einerseits ist Andreas Fischer Preisträger des Internationaler Gottfried-Silbermann-Wettbewerbs (Freiberg 2017), andererseits hat er auch bei sich in Hamburg den Wiederaufbau einer Barockorgel initiiert, was ihn als »Auskenner« prädestiniert.
Für sein Programm hatte Andreas Fischer Stücke ausgewählt, die sich mit musikalischen Phantasien befaßten. Die freie Form läßt manche Motive besonders glitzern und lädt den Geist eher zum Ausschweifen als zum Verweilen ein. Das verdeutlichte schon Jan Pieterszoon Sweelincks Fantasia chromatica, die mit einem Weckruf- oder Anrufton begann, sich zunächst chromatisch in einer langsamen Abwärtstonleiter entfaltete, dann aber (immer noch mit Gemach) eine Melodie entwickelte, sie fugiert erst verschlungen präsentierte und dann die Singstimme hervordringen ließ – großartig! Auf dieses Solo folgte ein geschlossener Chorgesang, natürlich im Orgelplenum.

Die Fantasia »Io son ferito lasso« von Samuel Scheidt, eigentlich die Klage über eine Verwundung, stand dem nicht nach, folgte aber einem ganz anderen Charakter. Choralähnlich entwickelte die nun aufsteigende Melodie hier eine eindringliche Kantabilität, wie bei Sweelinck war dabei eine Langsamkeit oder Gemessenheit bestimmend. Über die Fuge durfte diese Melodie kraftvoll wachsen.
Auch Johann Sebastian Bachs Beitrag bestand in einer »leichten«, freien Zutat: Der Fantasia et Fuga in c (BWV 562) mit der Ergänzung des Fugenfragments von Andreas Fischer. Der Fantasia ging allerdings ein Teil der Luftigkeit durch ein brummendes Baßregister (oder die Kombination / Tremulant?) verloren – in der Fuge herrschte wieder eine klare Architektur vor.
Ein kleines Schmuckstück war Wolfgang Amadé Mozarts »Gesang der Geharnischten Männer« aus »Die Zauberflöte« KV 620, worin zunächst einzelne vermischte Stimmen bzw. Register vernehmbar waren, bevor die Stimme (Vox) klingen durfte. In der Oper verkünden die Geharnischten, daß Tamino mit Pamina sprechen darf und die beiden kommen zusammen – noch ein Moment der Öffnung also.
Läßt sich vom Barock über das Rokoko noch eine Annäherung an Mozart realisieren, so stand der Romantiker Franz Liszt am Ende volkommen für sich, nicht zuletzt, weil er ganz eigene, typische Wege ging. Seine Variationen über den Basso continuo des ersten Satzes der Kantate »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Not sind des Christen Tränenbrot« und des Crucifixus der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach begannen mit einer typischen Eröffnung Liszt’scher Akkorde, die bald in Verästelungen in eine reiche Orgelsinfonik mündeten. Liszts Kaskaden (im Wachstum) standen Momente innigen Pianos gegenüber – hier erwies sich Andreas Fischer im Umgang mit der (aus Liszts Sicht) »vorzeitlichen« Orgel als äußerst versiert, was die kultivierte Darstellung stützte. Liszt – noch dies ist typisch – entfernt sich chromatisch teils weit von der Vorlage, kehrt aber oft zu einem Kerngedanken zurück, in diesem Fall dem Choralthema »Was Gott tut, das ist wohlgetan«.
27. August 2026, Wolfram Quellmalz