Der andere Schubert

Grundmann-Quartett in der Schloßkapelle Moritzburg

Im Rahmen der Vespern in der Moritzburger Schloßkapelle war Ulrike Titze, die sonst die Organisation der Reihe übernimmt, wieder einmal als Akteurin auf der Violine zu erleben. Gemeinsam mit Eduard Wesly (Oboe), Betina Ihrig (Viola) und Ulrike Becker (Violoncello), die das Grundmann-Quartett bilden, widmete sie sich zwei für sie wesentlichen Komponisten: sowohl Georg Druschetzky als auch Musik von Franz Schubert haben sich die vier in den letzten Jahren besonders zugewandt. Davon zeugen unter anderem zwei CDs mit Oboenquartette von Druschetzky (erschienen bei CPO), zuletzt war eine Bearbeitung von Franz Schuberts »Winterreise« mit dem Bariton Florian Götz bei Genuin herausgekommen. Eduard Wesly wechselte dafür von der Oboe ans Englischhorn.

Am Sonntag standen erneut Schubert-Bearbeitungen auf dem Programm, diesmal aber nicht mit Gesang, sondern originäre Klavierwerke. Bekannte noch dazu, was für viele eine Umgewöhnung bedeutete. Doch wie schon bei der »Winterreise« erwies sich die Übertragung als geschmackvoll, zurückhaltend und treffsicher. Statt in den oft erlebten Fehler zu tappen, emotionale Linien zu überhöhen und die gesangliche Stimme der Oboe hervorzuheben, waren Schuberts Moments musicaux (D 780) unterschiedlich ausgelegt. Überhaupt galten die individuellen Stimmen mehr als das geschlossene Oboenquartett. Sowohl die Anteile als auch die Wichtung variierten wie schon bei der »Winterreise«. Einen Effekt, daß manches gewöhnungsbedürftig schien, gerade, wenn es sich um ein Lieblingsstück handelte, hatte das sicher trotzdem.

Schon das erste der musikalischen Momente, ein Moderato, wurde nicht von Anschlägen oder Arpeggien belebt, sondern von Strichen. Dabei fiel sogleich die Stimmverteilung neu auf: während am Klavier nur ein Spieler sitzt (freilich mit zwei Händen), übernahm die Viola diesmal die zweite Stimme, das Cello den Baß. Die Oboe hielt sich zunächst zurück, erst in den Verlauf des Andantino mischte sich ihr Ruf, sorgte aber gleich für eine aufwühlende Steigerung zwischen Blasinstrument und Streichtrio. Auch die Synkopen des Allegro moderato erfuhren mit den Streichern eine neue Deutung und erweckten einen anderen Eindruck als gewohnt. In manchem, wie dem vierten der Moments musicaux, schien sich Schubert selbst zu begegnen, wenn es liedhaft wurde.

Ein angenehmer Kontrast war das kurze A quattro von Georg Druschetzky in der Programmitte. Hier durfte die Oboe sogleich und vordergründig singend hervortreten. Das an sich knappe Stück im A-B-A‘-Aufbau (Largo, Presto, Largo) betonet nicht die Langsamkeit, sondern belebte die Ecksätze mit kurzen Streicherfiguren, die der Oboenkantilene gegenüberstanden. Das Presto geriet nicht nur flott, sondern luftig und enthielt reizvolle Themenbezüge und Echomotive. Trotz »kürzerer Länge« hatte Georg Druschetzky in der Schlußpassage einen angemessenen »Auftritt« mit Verzierung verarbeitet.

Generalvikar Andreas Kutschke bezog sich in seinem Geistlichen Wort, ein Zitat des Pianisten Nikolai Tokarew zu Schubert belehnend, auf die einfache Sprache im Gegensatz zur gekünstelten, was beim Reden ebenso gilt wie in der Musik (und woraus Werke ihre Spannung beziehen können).

Solche Spannungen offenbarte noch einmal Franz Schubert, nun nicht mit einem geschlossenen Zyklus, sondern einer Zusammenstellung unterschiedlicher Stücke. Gleich das erste, das Allegretto aus den Drei Klavierstücken D 964, konnte als besonders gelungene Bearbeitung angesehen werden. Die wunderbar tropfenden Pizzicati des Violoncellos ließen das Klavier beinahe vergessen! Das Allegretto D 915 stellte wiederum der grundsätzlich dunkleren Stimmung eine Aufhellung entgegen.

Die vielleicht auffälligsten Stücke waren das dritte sowie das fünfte (letzte): während die Ungarische Melodie (D 817) mit kurzen Bögen eine erstaunliche Dynamik entfaltete, fiel es zumindest beim Impromptu Nr. 1 aus der ersten Reihe (D 899) schwer, die Dramatik des Anschlages, den das Klavier bietet, wiederzufinden – letztlich sind Bearbeitungen eben Geschmackssache. Trotzdem blieb festzustellen, daß die Stimmen nicht nur elegant eingerichtet waren, sondern Motive über Kreuz weitergaben oder die Stimmen bei Thema und Wiederholung tauschten.

24. August 2026, Wolfram Quellmalz

Schon am 6. September findet die letzte Vesper (»Musikalische Naturimpressionen«) mit Alexandra Kraus (Shakuhachi und Blockflöte) in der Schloßkapelle Moritzburg statt.

CD-Tips: Franz Schubert »Winterreise« D 911, arrangiert für Bariton, Englischhorn & Streichtrio, mit Florian Götz (Bariton) und Grundmann-Quartett, erschienen bei Genuin, sowie zwei Ausgaben mit Oboenquartette von Georg Druschetzky (CPO)

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