Start ins neue Schuljahr

Erste Kreuzvesper nach dem Orgelsommer

Der Dresdner Kreuzchor läßt sich in diesem Jahr eine Woche mehr Zeit, bevor er nach Beginn des neuen Schuljahres mit der ersten Kreuzchorvesper wieder an seinen Stammplatz in der Kreuzkirche zurückkehrt. Untätig sind die Knaben um Kreuzkantor Martin Lehmann jedoch nicht, auch beschränken sie sich nicht nur aufs Proben – am Sonntag waren sie bereits mit einem Musikalischen Sommerausklang in der Villa Kolbe in Radebeul zu erleben.

Tags zuvor wurden sie würdig vertreten, denn Sonus Aeternus, 2022 gegründet, sind quasi eine Ausgründung ehemaliger Kruzianer, die damals bereits (als Abiturienten) unter anderem bei der Serenade im Grünen zu erleben waren.

Daß sie ihren Namen (wörtlich etwa »Der ewige Klang«) nicht zufällig oder willkürlich gewählt haben, sondern einen Klangsinn damit verbinden, zeigte sich in der Kreuzvesper am Sonnabend. Begleitet wurden sie von Arvid Hübner an der Orgel, der gleich für einen passenden Einzug sorgte – mitten hinein ins Gemurmel des Publikums ließ er Orgelklänge wachsen, mit denen sich Ruhe in das Kirchenschiff senkte. Dahinein »geboren« wurde Christóbal de Morales‘ Kyrie eleison (aus der Missa pro defunctis). Diese Verbindung von Stille, Klang und Wort ging unmittelbar zu Herzen!

Auf die in den elf Stimmen dicht verwobene Darstellung folgte mit dem Laudate Dominum von Hans Leo Hassler im Satz von Anton Matthes eine durch feine Schwingungen ausgelöste Belebung. Davon dürfte jeder, der gerade aus dem Sommerurlaub heimgekehrt und von Erlebnissen oder Ereignissen noch aufgewühlt war, unmittelbar berührt worden sein. Und doch konnten Sonus Aeternus dies noch weiter steigern. Tomás Luis de Vittorias Lauda Jerusalem setzte sich aus Verszeilen der überlieferten Gregorianik und einer modernen, damals neuen Art zu singen des 16. Jahrhunderts zusammen. Die unterschiedlichen Abschnitte folgten zunächst wechselnd und mit Soli bzw. kleineren Gruppen, bevor sie sich in einem Chorplenum ausdrucksvoll steigerten.

Hinter dem ernsthaften Blick verbirgt sich ein großartiger Komponist: anonymes Portrait von Cristóbal de Morales, Civico museo musicale, Bologna, Bildquelle: Wikimedia commons

War dieser Text noch mehr auf das Innere des Singenden (oder Betenden) gerichtet, so zeigte sich in Andreas Hammerschmidts »Gott ist die Liebe«, noch einmal im Satz von Anton Matthes, eine Öffnung der Seele, ein Heraustreten und Zuwenden, mit dem der Charakter der Liebe beschrieben wurde.

Das war schon fast überwältigend – Marcel Duprés Cortège et Litanei Opus 19 Nr. 2 sorgte mit seinem anfänglich romantischen Schimmer für einen Moment des Innehaltens. Auch hier lenkt der Text (wenn auch nicht gesungen) auf ein Ziel – die Litanei (statt einer Fuge) steigerte sich mitreißend über eine Rampe incl. Zimbelstern.

Druckausgabe einer Messe von Cristóbal de Morales (aufgeblättert: Cantoral de música polyfónica, Seis Magnificat, S XVI), Museo Parroquial, Pastrana, Photo: Cultural heritage, © Paul M. R. Maeyaert, Bildquelle: Wikimedia commons

In der ruhigen, konzentriertem Darstellung von Sonus Aeternus offenbarte auch das populäre »Ubi caritas et amor« von Ola Gjeilo seine ursprünglichen Bezüge zur Gregorianik. Nach der Alten Musik zu Beginn zeigten die Quatre petites prières de Saint François d´Assise (Vier kleine Gebete des Heiligen Franz von Assisi) von Francis Poulenc die unterschiedliche Farbkraft, die den Texten innewohnt.

Mit »Barmherzig und gnädig ist der Herr« nahm das Vokalensemble Bezug auf einen ehemaligen Kreuzorganisten, Gustav Adolf Merkel. Anton Matthes hatte auch dieses Werk arrangiert, das zunächst den Gleichklang darstellte, aus dem eine Vielstimmigkeit wuchs. Auch Karl Pohlandts »Wer nur den lieben Gott läßt walten« gehört ebenfalls zur Geschichte der Kreuzkirche – die Choralmotette wurde vor vier Jahren vom Twentytwo-Ensemble Dresden (dem damaligen Abiturjahrgang des Kreuzchores) uraufgeführt. Auch jetzt erwies sich die Steigerung im Aufbau der Stufen (von schlicht bis vielteilig) als beeindruckend.

Das ließ sich auch Superintendent Christian Behr offenbar gern anmerken, auch wenn er dem Wochenspruch gemäß zunächst auf das Bezug nahm, was uns (vorübergehend) niederdrückt und die Lebensfreude bremst.

Vespern wie diese scheinen eines der besten Gegenmittel zu sein, weil sie trotz ihrer Vielfalt nicht »buntgemischt« wirkte, sondern beseelt klang, mit einer Musik, die der Botschaft folgte. Dazu gehörte am Schluß sogar ein Spiritual, noch einmal im eigenen Arrangement: »Ride my chariot« (»Ich fahre im Streitwagen«). Da war ausnahmsweise einmal ein wenig Applaus angebracht.

23. August 2026, Wolfram Quellmalz

Sonus Aeternus startet am kommenden Wochenende eine Sommerreise. Nach Meißen (Sonntag, 30. August) und weiteren Stationen kehren sie am 13. September nach Dresden (17:00 Uhr, Lukaskirche) zurück.

Am kommenden Sonnabend werden in der ersten Kreuzchorvesper die neuen Kruzianer begrüßt. Auf dem Programm stehen Werke von Reiko Füting (UA), Józef Swider, Noble Cain, Max Reger und Josef Gabriel Rheinberger, Leitung: Kreuzkantor Martin Lehmann, Orgel: Manuel Rotter, Liturg: Superintendent Christian Behr

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