Romantischer Plauderer – Martin Helmchen im Jagdschloß Graupa

Vor zwei Jahren hatte er den »Ausklang« der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast mitgestaltet, kommenden Saison wird er als »Artist in Residence« gleich mehrfach mit dem Orchester zu erleben sein. Vergangenen Freitag kehrte Martin Helmchen schon einmal zu einem Klavierabend ins Jagdschloß Graupa und damit ins Dresdner Umland zurück.

Neben Johann Sebastian Bachs romantisch gefärbter Partita Nr. 4 standen Werke Franz Schuberts und Robert Schumanns auf dem Programm, denen man allesamt einen erzählenden Charakter zuschreiben kann. Martin Helmchen betonte diesen und gab den Charakterstücken einen reizvollen Erzählerton. Schuberts Variationen über ein Thema seines Freundes Anselm Hüttenbrenner (D 576) beginnen mit zwei unterschiedlichen »Stimmen«, die gegeneinander zu argumentieren und einander überzeugen zu wollen scheinen. Die eine – ein dunkler, mahnender Baß; die andere – eine muntere helle Stimme – diskutieren miteinander mit spielerischer Ernsthaftigkeit und nicht nachlassender Intensität. Keiner scheint nachgeben zu wollen, da grollt der Baß sogar einmal ein wenig, wird jedoch beflissen beschwichtigt, ohne daß die helle Stimme ihr eigentliches Ziel, ihr Ansinnen vergessen würde. Erlösung kommt mit Variation Nr. 8, die relativierend beide Ansinnen vereinen möchte. Und dann – das ist das eigentlich frappierende – bringt Schubert Variationen hervor, die schon nach Schumann klingen, da wogt Chopins Etüde Op. 10 Nr. 1 durch die zehnte Variation… Martin Helmchen macht aus den Zuhörern staunende »Betrachter«. Der schumannesken Schluß faßt noch einmal die Moral zusammen, donnert und grollt ein wenig – haben da Großvater und Enkelin disputiert?

Gleichermaßen erzählerisch (oder sogar noch gesteigert) gestaltet Martin Helmchen nach der Pause Robert Schumanns »Waldszenen«. Die Feinheiten und die Kultiviertheit seines Anschlages vermögen viele Szenen mit unendlichem Detailreichtum wiederzugeben. Und so beschreibt Helmchen hier auch weniger die Waldszenen selbst, sondern die Eindrücke des Wanderers (Spaziergängers), welcher sie erlebt, den Szenen als solchen werden also noch die Empfindungen des Erlebens beigemischt. So prägen Heiterkeit, Neugierde und Staunen den »Eintritt«. Die »einsamen Blumen« wiederum verspüren keine Einsamkeit, sondern lassen verträumt ihre Köpfe über den Gräsern wogen und genießen die Liebkosungen von Sonne und Wind. An der »verrufenen Stelle« sind Neugierde und Wagemut des Wanderers ganz sicher größer als die Angst oder bedenken – hätte er sich sonst noch einmal umgeschaut? Den »Vogel als Prophet«, der so schön redet und nicht nur mahnt, die lustigen Jäger werden ihn nicht gehört haben! Da hat der Wanderer viel zu bedenken – kein Wunder, daß er beim »Abschied« noch heiter, aber eben weniger als zu Beginn ist.

Und auch die »Wandererphantasie« spielt Martin Helmchen mit einer ganz großen Palette an Farben, Tönen und Schattierungen. Egal, ob Schumann, Schubert oder Bach – es fällt an diesem Abend zumindest auf – trotz aller sanftmütigen und schlichten Passagen steigert sich der Pianist manchmal zu unerhörter Heftigkeit, scheut sich nicht, auch grelle, harte Töne hervorzubringen. Daß er dies dosiert tut, spricht für den gestalterischen Ansatz. Und ein wenig jugendliches Draufgängertum läßt sich – vor allem in bezug auf Schumann und Schubert – den Werken nicht absprechen.

Nun, da ich dies am nächsten Tage aus meinen Konzertnotizen niederschreibe, sind es vor allem die »einsamen Blumen« und der »Waldvogel als Prophet«, die mir immer noch im Ohr sind.

Wolfram Quellmalz

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