Alexander Krichel und Preußens Hofmusik verzaubern das Frauenkirchenpublikum

Wenn – trotz Fußball – an diesem Tage und zu dieser Stunde ein zahlreiches Publikum den Weg ins Konzert findet, muß es einen guten Anreiz dafür geben. Oder sogar mehr als einen. Aus der Erfahrung heraus wage ich zu behaupten, daß die Neugierde auf einen angekündigten Jungstar der Klassik nicht ausgereicht hätte. Vielmehr schien eine Aura der Erlesenheit über diesem Abend zu liegen, im Sinne von feinen Kostproben von Kennern für Kenner.

Zunächst stand »Preußens Hofmusik«, das Kammerorchester der Staatskapelle Berlin, im Mittelpunkt, welche den ersten Teil des Abends gestaltete. Unter der Leitung ihres ersten Violinisten Stephan Mai eröffneten sie mit Johann Gottlieb Grauns Sinfonie-Ouvertüre in D-Dur. Den nach dem ersten Satz kurz aufkommenden Applaus (im Programm war ein anderes Eröffnungsstück angegeben, keine Sinfonie) dämmte Mai durch eine elegante, aber eindeutige Geste charmant ein. Gleichermaßen eindeutig und unprätentiös ist auch Mais Dirigier- bzw. Leitungsstil. Sparsam, aber gezielt, keine angedeuteten Gesten, ist es vor allem der direkte Blickkontakt, der hier vermittelt, fordert, wozu er sich dann auch einmal zu seinem Hintermann umdreht, wenn es mit diesem zu kommunizieren gilt. Zu erleben, welch schwebenden Klang das Ensemble zauberte, wie sie einander trugen, egal, wer nun das Solo hatte (Graun: eine wunderschöne, reine Flötenstimme), war beglückend. Dazwischen gab Stephan Mai (auch hier: akustisch einwandfrei und ohne Mikrophon) kurze und erhellende Erläuterungen an das Publikum. Seine Begeisterung und Energie übertrug sich nicht nur auf das Orchester, sondern auch auf die Zuhörer. Daß pulsierende Intensität dem Detail und der Ruhe nicht im Wege steht, zeigten diese Musiker vorzüglich.

Neben einer in ihrer Form etwas ungewöhnlichen Haydn-Sinfonie (»La Passione« beginnt mit einem langsamen Satz) spielte »Preußens Hofmusik« vor allem drei Werke Johann Sebastian Bachs in der Bearbeitung Wolfgang Amadeus Mozarts. Mozart hatte mehrfach in seinem Leben intensiv die Musik des Thomaskantors studiert und zum Beispiel Teile aus der »Kunst der Fuge« für Streichquartett gesetzt. Aus dem »Wohltemperierten Klavier« wiederum hatte er den Fugen Adagios vorangesetzt, die wiederum Stephan Mai für sein Kammerorchester eingerichtet hatte. Die bekannten Fugen gewinnen jeweils durch eine vollkommen andere Einleitung, es entstehen ganz neue Werke, erst recht in der Aufführung durch ein »höfisches« Orchester. Schon jetzt konnte jeder Zuhörer nur zufrieden sein.

Nach der Pause gab es den Auftritt Alexander Krichels. Der junge Pianist, in Hamburg geboren und schon jetzt mit vielen Auszeichnungen bedacht, spielte noch einmal Bachs Fuge b-Moll (BWV 867). Diese war zuvor, direkt nach der Pause, »à la Mozart« als Adagio und Fuge mit dem Orchester erklungen. Alexander Krichel ließ nun auf dem Konzertflügel die Bach-Version (also Präludium und Fuge) erklingen. Und mit einem (Tasten-)Schlag schien man vom höfischen Saal dem Himmel ein Stück nähergekommen zu sein. Alexander Krichel scheint über die Fähigkeit zu verfügen, feinste Abstufungen mit geringem Aufwand, vor allem mit leisem Ton zu erzeugen. Gleich dieser erste Höreindruck war überwältigend!

Das Hauptwerk des Solisten war aber schließlich Mozarts Klavierkonzert D-Dur, welches – da scheinen sich die Historiker momentan einig zu sein – wohl in Dresden uraufgeführt wurde. Wieviel Beachtung man den Themen Akustik in den Frauenkirche und Ausgewogenheit zwischen Solist und Orchester schenkte, wurde auch klar, als man den Öffnungsgrad des Klavierdeckels noch einmal anpaßte. (Vergleiches Sie das einmal: im allgemeinen ist es üblich, diesen einfach zu maximieren.) Mozarts von Eleganz, Einfallsreichtum und vielen Solisten gekennzeichnetes Werk profitierte ungemein vom harmonischen und verständigen Zusammenspiel der Musiker. Mozartische Leichtigkeit und Brillanz, das war Freude pur!

Wolfram Quellmalz

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