Natalie Clein und die Cameristi della Scala in der Dresdner Frauenkirche

In der Zeit zwischen dem Saisonschluß der Theater und Orchester und dem Beginn der neuen Spielzeit muß der Musikfreund mit weniger Konzerten auskommen. In Dresden und Umgebung gibt es aber auch in den Sommermonaten Angebote, so in der Frauenkirche. Hier waren am vergangenen Sonnabend Natalie Clein und die Cameristi della Scala zu Gast.

Das ursprüngliche Programm umfaßte Werke aus beinahe dreihundert Jahren Musikgeschichte und reichte bis in die Gegenwart. Die Kammermusiker des Orchesters der Mailänder Scala eröffneten den Abend mit Antonio Vivaldis Concerto »Per la Santissima Assunzione di Maria Vergine« (RV 584). Dieses kann seine Verwandtschaft mit den italienischen »Concerti grossi« nicht verleugnen und führte auch (etwa) in die Zeit zurück, in der George Bär mit dem Bau der Frauenkirche begann. Die Cameristi della Scala haben einen leichten, hellen Ton, was dem Werk durchaus gerecht wurde. Violine und Orchester gaben schöne Motive einander wieder oder spielten Echo, auch der zweite Satz gelang sehr lyrisch. Etwas mehr Lebhaftigkeit hätte man sich dennoch gewünscht.

Diese kam dann mit der Solistin des Abends, Natalie Clein, welche Haydns berühmtes erstes Cellokonzert spielte. Sie verstand ihren Cellopart auch offensichtlich nicht als herausgestellt, sondern aus den anderen Streichinstrumenten heraus »geboren«, weshalb sie im ersten und dritten Satz schon vor ihrem Soloeinsatz die Cellostimmen des Orchesters mitspielte. Natalie Cleins Ton ist warm und freudig, auch voller Leichtigkeit, zudem weiß sie ihn durch angemessenes Vibrato und manche rauhe »Kerbe« zu beleben. So geriet Haydn nicht zum routinierten »Zuckerstück«, sondern hatte Charme und Witz. Ob es so lebhaft auch auf Schloß Esterháza geklungen hat? Man könnte es sich vorstellen…

Das nach der Pause geplante zeitgenössische Stück des Sizilianers Giovanni Sollima war einer (kurzfristigen?) Programmänderung zum Opfer gefallen, und so gab es anstelle von »Violoncelles vibrez!« (da macht doch schon der Name neugierig!) noch einmal Vivaldi. Noch einmal mit der Solistin des Abends, die jetzt mit dem ersten Cellisten des Orchesters, Sandro Laffranchini, das Konzert für zwei Violoncelli in g-Moll (RV 531) spielte. Dies war sehr hübsch, vor allem der zweite Satz, der als Duett der beiden Celli gestaltet ist, die nur vom Kontrabaß begleitet werden, doch wäre die ursprüngliche Planung nicht nur abwechslungsreicher, sondern vermutlich auch spannender gewesen. Hoffentlich war die Umstellung kein Kniefall vor den Gewohnheiten des Publikums! Denn – das nur nebenbei – ich habe die Erfahrung gemacht, daß auch das »Gewohnheitspublikum« aus Interesse in die Konzerte kommt und sich durchaus für neue Ideen erwecken läßt (was ja nicht zwangsläufig bedeutet, daß es diese immer begeistert aufnimmt).

Der Schluß fiel mit Ottorino Respighis Tanzsuite Nr. 3, in der er Themenmaterial der Renaissance verarbeitet, noch einmal gemäßigt aus. (Gerade dieses Stück der Rückbesinnung – vor allem der erste Satz ist recht bekannt – hätte den zeitgenössischen Vorgänger gut vertragen!) Die Cameristi della Scala spielten auch dies beruhigt, schön, glänzend, aber auch ein wenig schlicht. Für den Applaus wurde das Publikum anschließend noch mit einem Walzer Nino Rotas belohnt. Und die Zugabe von Natalie Clein, vielleicht sogar »Violoncelles vibrez!«, die gibt es dann vielleicht beim Moritzburg Festival. Im August wird die Cellistin dort zu Gast sein.

Wolfram Quellmalz

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