Begegnungen mit Schubert (Quartette)

Franz Schubert ist nie in Chemnitz gewesen, auch in der näheren Umgebung nicht. Tatsächlich ist er kaum gereist, und wenn, dann in seiner Heimat. Frank Beermann und die Robert-Schumann-Philharmonie näherten sich ihm nun in »Begegnungen mit Schubert« an. Unter diesem Motto stand eine Reihe von Konzerten, in denen unter anderem in nur acht Tagen die acht Sinfonien Franz Schuberts, aber auch seine wichtigsten Kammermusikwerke, aufgeführt wurden. Zum Saisonabschluß spielte man an besonderen Orten, so erklangen zum Beispiel im Straßenbahnbetriebshof Adelsberg die Sinfonien D 485 und D 589. Die Neuen (musikalischen) Blätter hatten Gelegenheit, zwei der Kammermusikabende mitzuerleben.

Auf dem Programm in der Wandelhalle des Rathauses Chemnitz standen am Sonnabend, dem 12. Juli, das Quartett a-Moll, D 804 (»Rosamunde«) sowie das C-Dur-Quintett D 956. Zwei Tage später kamen im Wasserschloß Klaffenbach die Quartette G-Dur D 887 und d-Moll D 810 (»Der Tod und das Mädchen«) zur Aufführung. Der Beginn gehörte zunächst aber jeweils dem Wort, denn Frank Beermann ließ es sich nicht nehmen, sein Publikum zu begrüßen und in den Abend einzustimmen. Seine Einführungen vermittelten – zwischen Werkkenntnis und Anekdote – Musik, Zeit und Komponist und entsprachen damit dem Projekt »Begegnungen mit Schubert« bestens. Vor jedem der Werke las außerdem der ehemalige Schauspieldirektor Hartwig Albiro ein Stück aus Peter Härtlings Schubert-Buch (»Schubert – Zwölf Moments musicaux und ein Roman«). Albiro ist ein geborener Vorleser, und auch das Buch des aus Chemnitz stammenden Härtling kommt dem Begegnungs-Gedanken nach, pocht nicht auf historisch nachgewiesene Episoden, sondern formt aus den Versatzstücken realer Personen und Orte eine Schubert-Atmosphäre, wie sie gewesen sein könnte. Manchmal hastend, dann stehenbleibend und erinnernd folgt Härtling dem Vergangenen, von Gedanke zu Gedanke quasi, schweift einmal ab und fügt ein. Keine Chronologie ist dies, sondern Lebensbilder. Hartwig Albiro las dies im Tone des Geschichtenerzählers, des Zurückblickenden, legte Ruhe oder Hast in die Stimme, wie es das Buch erforderte. Das war kurzweilig und nicht zu lang, womit die Gefahr, den »Rahmen«, das Programm des Abends zu sprengen und zu ermüden, gebannt war.

Im Rathaus Chemnitz hatte sich das Robert-Schumann-Quartett (Hartmut Schill, Ovidiu Simbotin, Matthias Worm und Tillmann Trüdinger) mit Jakub Tylman zusammengefunden, der im Quintett das zweite Cello spielte. Frank Beermann hatte noch auf das Echo aus dem Treppenhaus der Wandelhalle hingewiesen, das manchmal zu interessanten Effekten führte, doch erwies sich dies als nicht störend, denn meist hörte man davon nur einen Nachhall am Ende der Sätze. Das Robert-Schumann-Quartett spielte »Rosamunde« sehr lebhaft, bebend (ohne Bangen), geradezu durchdringend. Dunkel und süffig kam diese »Rosamunde« daher, die Wandelhalle erwies sich als Gewinn. Im C-Dur-Quintett dann, diesem gigantischen Sinfonie-Kammerstück, das die ganze Energie eines Sommers in sich birgt, bewiesen die Musiker, daß sie auch in erweiterter Formation einen gemeinsamen Klang gefunden hatten. Schwebend hier, vor allem im Adagio, aber auch »Schicksalsschläge« waren da enthalten.

Im Wasserschloß Klaffenbach fand dies dann seine schöne Fortsetzung, auch hier wieder mit willkommener Einführung und Lesung. Diesmal hatte das Mejo-Quartett (Katarzyna Radomska, Benjamin Fuhrmann, Ulla Walenta und Thomas Bruder) die Bögen ergriffen. Sehr dynamisch war ihr Ansatz, der auch hier sommerliche Stimmung in die Musik brachte. Das G-Dur-Quartett war voller Leben, voller Sonne und Bienengesumm, fand aber im Allegro auch schöne Entspannung, bevor sich dies im Andante umkehrte. Doch folgten gleich darauf »Spuk und Walzer« – wie passend auf einem alten Schloß! Leider ging dem Quartett im vierten Satz jedoch etwas der Zusammenhalt verloren, und nun forcierten die vier Musiker stark, schienen sich zu suchen, gaben dem Werk aber auch gehörig Energie mit. Das war zunächst noch ein durchaus passender Abschluß des Stückes, doch tat das Übermaß an Dynamik, Lautstärke, dem folgenden Quartett nicht gut. Hartwig Albiro hatte zuvor noch Matthias Claudius‘ das dem gleichnamigen Schubert-Lied zugrundeliegenden Gedicht »Der Tod und das Mädchen« vorgelesen, doch vom Gegensatz der beiden, des bittenden Mädchens und des verlangenden Todes, war im Quartett nicht mehr viel zu spüren. Hier hatte der Tod eindeutig und brachial die Oberhand gewonnen.

Es waren also zwei stimmungsvolle Abende der »Begegnungen«. Sie hatten etwas zu sagen und zu vermitteln, regten an. Das dürfte im Sinne der Initiatoren gewesen sein, im Sinne der Zuhörer war es allemal.

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