Mittelsächsische Philharmonie beschließt ihre Saison mit Erinnerung und Anregung

Das achte und letzte Saisonkonzert im Theater Döbeln begann im Gedenken an Carl Basilius Fatyol, den Solotrompeter des Orchesters, der vor drei Wochen plötzlich und unerwartet verstorben war. Raoul Grüneis erinnerte vor dem Konzert mit persönlichen Worten an den Musiker, der 1990 zum Orchester gestoßen war und seitdem seine Solistenstelle begleitet hatte. Nicht nur musikalisch, auch menschlich sei er ein Gewinn gewesen und habe die Kollegen im Sturm erobert. Beeindruckend sei vor allem seine Vielseitigkeit vom Barock bis zum Jazz gewesen. Carl Basilius Fatyol hat hier nicht nur probiert und einmal etwas anderes versucht, sondern ist ein Könner auf diesen Gebieten gewesen. Trotz vieler Gastauftritte hat er stets seiner Orchesterposition die höchste Priorität zugeordnet und seine Verantwortung dort wahrgenommen. Er hat nicht nur den Ruf des Orchesters nach außen getragen, sondern sich auch oft gewinnend in die Arbeit mit dem Dirigenten eingebracht. Seine Bläserkollegen verabschiedeten Carl Basilius Fatyol mit dem Adagio aus Joseph Haydns Trompetenkonzert.

Die erste Hälfte des Konzertes nahmen Werke türkischer Komponisten ein, Cemal Reşid Reys »Paysages de Soleil« (»Ansichten der Sonne«) und Yalҫin Turas »Tanzweisen für Solo-Violine und zehn Streichinstrumente«. Hasan N. Tura, der Sohn des Komponisten, leitete als Dirigent durch den Abend und war gleichzeitig Solist des Vaterswerkes.

Cemal Reşid Rey, als Diplomatensohn und in Jerusalem geboren, wuchs unter anderem in Paris auf. Hier hat er nicht nur die klassische westliche Musik kennengelernt, impressionistische Einflüsse und die Kenntnis der »Alla Turca«-Mode zeigen sich auch in seinem, türkische Volksliedmelodien aufgreifende Orchesterwerk. Dieses war zunächst für Klavier entstanden, erst kürzlich wurde die von Yalҫin Turas noch einmal überarbeitete Orchesterversion uraufgeführt. Mit fremden Klängen, Akkorden und Rhythmen, aber auch zahlreichen orientalischen Ornamenten und Beschwörungsmelodien verbindet das Stück gefällig die Musikwelten des Morgen- und des Abendlandes.

Deutlich moderner und auch für den heutigen Zuhörer noch anspruchsvoll ist Yalҫin Turas Kammermusik. Auch komplexer als Reşid Reys Werk, werden hier Themen vorgestellt, zerlegt und entwickelt. Die »Tanzweisen« beginnen zunächst mit einem exponierten Solo der Violine, welche ihr Thema dann an das Orchester übergibt, von dem es aufgesogen wird. Im Gegensatz zum klassischen Konzert, wo Solist und Orchester gegenüberstehend Rede und Gegenrede führen, hat Yalҫin Turas Stück meist ein gemeinsames thematisches Zentrum, werden einzelne Segmente herausgelöst und verarbeitet. Die Solovioline tritt zwar immer wieder aus dem Verbund hervor, ist aber meist »primus inter pares«. Belebung erfährt das Werk durch klangliche Verfremdungen, so daß man teilweise orientalische und keine klassischen westlichen Instrumente zu hören glaubt, und durch Steigerungen über alle Stimmgruppen. Ganz nebenbei bekommt da auch der Kontrabaß einen kurzen Soloauftritt.

Hasan N. Tura leitete mit sehr viel Wissen und Umsicht durch die Klippen dieser Musik, welche das Orchester sicher umsetzte und seine Zuhörer in eine schöne, anregende Klangwelt führte.

Es gibt Stücke, die man besonders oft und besonders gerne hört und die einem, ohne Übertreibung und Affektiertheit vorgetragen, auch nie zu viel werden. Peter Tschaikowskys Streicherserenade C-Dur gehört dazu. Nach all den exotischen Melodien entließ die Mittelsächsische Philharmonie ihr Publikum mit runden, warmen Streicherklängen in die Sommerpause.

Wolfram Quellmalz

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