Gedenken aus dem Leben heraus

Vergleicht man Gioachino Rossinis »Stabat mater« mit Werken Schütz‘, Homilius‘ oder Bachs, kann man den Vorwurf, es sei zu wenig Kirchenmusik, sondern vielmehr opernhaft, nachvollziehen. In der Tat schwelgt das Werk in lebendigen Achteln und dramatischen Farben. Rossini wollte den Maßstab der Kirchenmusik aber auch gar nicht auf sich beziehen, deshalb stellt das Werk im Schaffen des Italieners auch eine Ausnahme dar. Es hat über weite Strecken einen klagenden Charakter, erzählt aber nicht nur vom Leid, sondern ist auch vom diesseitigen Leben erfüllt.

Die Leitung Gedenkkonzertes der Staatskapelle hatte Gastdirigent Myung-Whun Chung inne. Als Solisten waren Mezzosopranistin Rinat Shaham, Tenor Yosep Kang und René Pape (Baß) aufgeboten. Den Sopranpart hatte kurzfristig Barbara Frittoli übernommen. Die Vorbereitung des Opernchores hatte einmal mehr Jörn Hinnerk Andresen oblegen.

Die Lebendigkeit und das Fehlen andächtiger, inniger Passagen wurden an Rossinis »Stabat mater« immer wieder kritisiert. Myung-Whun Chung wirkte dem ausgleichend mit dem rechten Maß entgegen, dirigierte mit meist sparsamer Geste und betonte Innigkeit und Pausen, ohne das Werk zu zerdehnen oder den Zusammenhalt zu verlieren. Besonders eindrucksvoll gelangen die beiden à capella komponierten Sätze, hier vor allem der fünfte (»O du Mutter, Brunn‘ der Liebe…«), in dem der Chor der Männer, der Chor der Frauen, der Bassist oder der gesamte Chor abwechselten oder gemeinsam singen. Das war ergreifend, berührend, großartig! Hervorragend in Verständlichkeit und Ausdruck, dazu das beeindruckende Gestaltungsvermögen René Papes, bescherten ein trefflicher Opernchor und der Solist dem Publikum einen Höhepunkt dieses Abends!

Auch Rinat Shaham fiel durch eine goldene Klangfärbung auf und vermochte Innigkeit und Klage Leben zu spenden. Dem standen Yosep Kang und Barbara Frittoli nur wenig nach, und wenn Kang die noch zum Adventskonzert bewiesene Geschmeidigkeit der Stimme etwas abging oder – vielleicht durch den kurzfristigen Einsatz – Barbara Frittoli noch etwas dominierend und mit viel Vibrato aus dem Solistenquartett herausstach, so waren dies nur kleine Abstufungen, welche die Ausgewogenheit der Aufführung nicht ins Wanken brachten.

Die Staatskapelle fand unter Chungs Leitung stets den rechten, feinen, italienischen Ton. Auch hier viel Klage aber auch – Leben.

13. Februar 2015, Wolfram Quellmalz

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