Vom Spiel des Lebens

Peter Tschaikowski und sein Bruder Modest hatten für ihre Oper »Pique Dame« Alexander Puschkins gleichnamige Novelle aufgegriffen und für die Bühne angepaßt. Am tiefgreifendsten sind diese Änderungen am Schluß: Während bei Puschkin Hermann den Verstand verliert und im Obuchofskischen Krankenhaus, Zimmer 17, immer wieder die Worte »Drei, Sieben und As!« wiederholt und Lisa einen »liebenswerten jungen Mann« heiratet, findet das Drama bei Tschaikowski in den Freitoden beider ein düsteres Ende.

Am Mittelsächsischen Theater Freiberg hatte »Pique Dame« am 14. Februar Premiere. Das Inszenierungteam (Regisseur Ralf-Peter Schulze, Ausstatter Tilo Staudte und Choreographin Martina Morasso) rückt vor allem das Liebespaar Hermann-Lisa in den Vordergrund und führt die verschiedenen Ebenen der Realität, des Träumens, des Erinnerns und des Phantasierens zusammen. Schon zu Beginn ist die Bühne von einem durchsichtigen Vorhang verschlossen, durch den man eine nur halb verborgene Szene beobachten kann. Immer wieder ändern sich die Räume, werden Zwischenwände und -türen aufgestellt oder weggenommen, zeigen Scherenschnittprojektionen abwesende oder verstorbene Menschen, parallele Handlungen. Die Ausstattung ist schlicht und zeitlos, verzichtet auf Pomp und Glanz, nur ein paar prachtvolle Kronleuchter sind angedeutet. Die Trennung der unterschiedlichen Ebenen des Bewußtseins oder Erinnerns verwischen mehr und mehr, was letztlich sogar das Ende in Frage stellt.

Hermann, gespielt vom türkischen Gast Ünüşan Kuloğlu, lebt als deutscher Offizier in St. Petersburg. Daß er von seinem Vater ein Vermögen geerbt hat, weiß niemand, denn er ist sparsam, enthaltsam, eigentlich geizig. Seine Umgebung nimmt ihn als Fremden, als Exoten wahr, macht sich über ihn lustig, bewundert aber auch seine Disziplin. Die Schlichtheit der Ausstattung versagt ihm die prächtige Offiziersuniform, Hermann ist statt dessen auffallend schlicht und grau, unauffällig. Er lebt aus Koffern – ein Reisender, ein Fremder. Seine ganze Liebe gilt Lisa, der Enkelin einer alten Gräfin. Und mit der Macht der Liebe gelingt es ihm sogar, Lisas Herz zu erreichen – sie schenkt Hermann Gehör, verliebt sich auch in ihn. Dieses Paar (Lisa: Leonora del Rio) ist der dramatische Mittelpunkt der Aufführung, die mit dieser kraftvollen Fokussierung auf zusätzliche Farben und Effekte auch tatsächlich verzichten kann. Doch verschieben sich auch hier schnell die Ebenen, denn diese innbrünstige Verbundenheit grenzt schon an Wahn. Ein glückliches Ende würde da kaum passen…

Im Gegenteil: Hermann erfährt vom Geheimnis der alten Gräfin, drei gewinnende Karten voraussagen zu können, und verfällt dieser Idee. Nein, kein Spielsüchtiger ist Hermann – er spielt ja nie – aber ein Besessener, der das Geheimnis ergründen und dann nur dreimal setzen will, alles oder nichts…

Bei einem heimlichen Treffen, das eigentlich Lisa gelten soll, versucht er der Gräfin das Geheimnis abzupressen, erschreckt sie jedoch zu Tode. Rita Zaworaks Gräfin ist – wie in Puschkins Novelle beschrieben, im Libretto der Oper fällt vieles davon weg – launisch, ungerecht, träumt in Erinnerungen. Sie stirbt nicht einfach, sie fällt, nein, sie klappt zusammen. Oder ist auch dieser Tod nur vorgetäuscht? Hat sie Hermann verulkt? Hermann kann es längst nicht mehr unterscheiden. Die Gräfin erscheint ihm und sagt drei Karten voraus: Drei, Sieben und As. Diese Prophezeiung ist aber an die Bedingung gebunden, daß er Lisa heiraten möge. Daran hält Hermann sich nicht – und verliert (alles). Er wählt den Freitod. Doch nachdem der Regisseur schon zuvor Realität und Traum vermischt hat, läßt er das Paar am Schluß vereint, gemeinsam sterben – oder erwachen? War doch alles nur gespielt…

»Pique Dame«, einer der größten Opernerfolge Tschaikowskis, wurde am Mittelsächsischen Theater anregend und beeindruckend auf die Bühne gebracht. Leider hatte Guido Kunze (Fürst Jeletzki) zur Premiere vom Arzt Gesangsverbot erteilt bekommen, so mimte er, während Serge Novique von der Seite für ihn sang. Ein edler Bariton und hervorragender Ersatz! Auch Barbara Fritscher (Polina), Sergio Raonic Lukovic (Graf Tomski), Jens Winkelmann (Tschekalinski) und Martin Gäbler (Surin) erspielten und ersangen sich die Begeisterung des Publikums. Ünüşan Kuloğlu und Leonora del Rio sind ein hinreißendes Liebespaar, auch wenn die stimmliche Präsenz des Tenores – vor allem zu Beginn der Vorstellung – für die Freiberger Bühne überdimensioniert war. Ebenfalls gelungen untermalen Tanzszenen die Handlung.

Einmal mehr überzeugen die Mittelsächsische Philharmonie und Raoul Grüneis durch farbenprächtige Klänge und mit einer gelungenen Führung der Sänger. Dafür gab es viel Applaus und reichlich Bravi aus dem vollbesetzten Zuschauerraum.

15. Februar 2015, Wolfram Quellmalz

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