Die neue Sanftheit?

Der Ton Hélène Grimauds war in den letzten Jahren heftiger geworden, ruppiger, eruptiver. Vergleicht man beispielsweise ihre poetische Aufnahme von Schumanns Klavierkonzert (»Reflections«, 2005) mit den Sonaten Mozarts, Bergs, Bartóks und Liszts (»Resonances«, 2010), fallen letztere zunehmend harsch aus. Ich kann mich noch gut an ihren zornigen Mozart in Wien erinnern…

Für ihr aktuelles Konzertprogramm und das Klavierkonzert am 19. Mai im Leipziger Gewandhaus hatte sich die Pianistin diesmal etwas besonderes einfallen lassen: sie stellte Werke, die von der Romantik und dem Impressionismus bis zu modernen Stücken des zwanzigsten Jahrhunderts reichten, zusammen, wobei das Wasser als bindendes Element diente, jedoch in ganz unterschiedlichen Bezügen. Mit Luciano Berios »Wasserklavier« und Toru Takemitsus »Rain Tree Sketch II« (Regenbaum, Skizze 2) hatte Hélène Grimaud die beiden modernsten Stücke an den Beginn, aber auch gleich zwei unterschiedliche Spielformen des Themas gegenübergestellt: Während Berio das Wasser fließend, als lebendiges Wesen zeichnet, tritt bei Takemitsu die Klarheit des Elements hervor. Gabriel Fauré (Barcarolle fis-Moll) und Maurice Ravel (»Jeux d’eau«) haben den Begriff des Wassers eine Fassung gegeben, eine Umgebung, in der Brunnen, Boote, Parks und Meeresstrand klangbildlich enthalten sind. Mit Isaac Albéniz »Almería« fügte Hélène Grimaud dem noch die Glutfarben des Südens hinzu, um mit Franz Liszt (»Les Jeux d’Eau à la Ville d’Este«), Leoš Janáček (Andante aus »Mlhách« [»Nebel«]) und schließlich Claude Debussys »La cathédrale engloutie« die komplexesten, vielschichtigsten und phantasievollsten Wasserbilder zu zeichnen. Voller Poesie und Zartheit, aber auch mit Farben in Pastell und Feuer formte Hélène Grimaud aus dieser Stückefolge einen eigenen Zyklus, den jeder sofort begriff, der gefangennahm (kein einziges Klatschen zwischendurch). Bild für Bild schuf die Pianistin, wandelte dazwischen über Promenaden – der Gedanke an Mussorgsky kam nebenbei, aber nur den Aufbau, nicht die Farben betreffend. Man staunte über all die selten gespielten Meisterwerke. Debussys abschließendes, faszinierendes Stück schien wie der Rückblick auf all das Gehörte. Ob von einem Hügel oder der Versenkung aus, mit dem Hall und den Glockenschlägen einer (versunkenen) Kathedrale. Von überbordenden Rot-, Violett- und Orangetönen über kühles grünblau bis zu eisigem grau reichten die Ausdrucksmittel der Pianistin, farbloses Wasser war die bei weitem nicht! So sanft im Anschlag hat man sie lange nicht erlebt, so erlesen in der Klangfärbung – seit langem einer der überzeugendsten Auftritte der Französin.

Dem hatte Hélène Grimaud in der zweiten Konzerthälfte ein ganz anderes Werk angefügt: Johannes Brahms zweite Klaviersonate. Monumental scheint sie aus den vorangegangenen Stücken herauszuragen, hervorzudrängen. Düster und bedrohlich wirkte sie unter den Händen von Hélène Grimaud, massiv, schwer, aber auch üppig und stürmisch. Leider wurde dieser Eindruck auch durch unnötige Lichtspiele betont – das Publikum saß im Dunkeln, nur die Notbeleuchtung und ein Scheinwerfer auf die Pianistin erhellten den Raum. Solch oberflächliche Tändelei war unnötig!

Keineswegs zornig oder ruppig, lotete Hélène Grimaud Brahms’ Klangkosmos aus, formte motivisch, kraftvoll. Dies war ein großer Kontrast zum ersten Programmteil, doch fügte die Französin mit dem dritten Satz (Scherzo. Allegro) auch Lebendigkeit hinzu. Mit Lebhaftigkeit, aber auch Sostenuto, schloß Hélène Grimaud ihr Programm. Mit drei Zugaben aus der Welt Claude Debussys bedankte sich die Pianistin bei ihrem begeisterten Publikum.

20. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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