Meisterliches a-capella-Konzert des Vocal Concerts Dresden

Mikis Theodorakis Liturgie Nr. 2 bei den Dresdner Musikfestspielen

»Den Kindern, in Kriegen getötet« ist Mikis Theodorakis‘ Liturgie übertitelt, doch hatte dieser Abend auch andere Widmungsträger. Er galt auch nicht nur dem Komponisten, sondern ebenso dem Andenken an den im vergangenen Jahr verstorbenen Dresdner Musikwissenschaftler und Journalisten Peter Zacher. Dieser hatte sich maßgeblich für Theodorakis‘ Werk eingesetzt und damit zahlreiche Uraufführungen zu DDR-Zeiten bewirkt. So feierte die »Frühlingssinfonie« 1984 im Kulturpalast ihre Erstaufführung mit der Dresdner Philharmonie unter der Leitung Christian Hauschilds. (Einer der Solisten damals: Gunther Emmerlich.) Und ein Jahr zuvor war die »Liturgie Nr. 2« im Plenarsaal des Rathauses erstmals erklungen, mit dem Kreuzchor unter Martin Flämig. Noch im gleichen Jahr erfolgte eine Aufnahme in der Lukaskiche Dresden in gleicher Besetzung. Auch hinter dieser Aufführung hatte Peter Zacher gestanden.

Nun gab es eine Wiederaufführung, diesmal mit dem Vocal Concert Dresden und Peter Kopp in der Martin-Luther-Kirche. Theodorakis‘ »Liturgie Nr. 2« setzt sich aus 14 Teilen zusammen, die zwar den formalen Rahmen der christlichen Liturgie aufgreifen, diesen aber interpretieren und erweitern – ein rein geistliches Werk ist es also nicht. Besonders auffällig: die Strophen 6 über Che Guevara und 8 (Anne Frank). Auch musikalisch weicht der Komponist von strengen, religiösen Formen ab. Sein Werk enthält Psalmvertonungen ebenso wie mehrchörige Motetten und kunstreichen polyphonen Gesang, nimmt aber auch Anleihen bei Chorälen und volkstümlicher Musik. Die »Liturgie Nr. 2« beginnt und endet mit einem Abend- bzw. einem Morgengebet, schließt Gesänge der Cheruben (hier: Engel / Erzengel) mit ein. Immer wieder spielt Theodorakis mit den Stimmen, setzt zum Beispiel Soprane gegen Bässe, während Alt und Tenöre schweigen, mischt aber auch alle in anspruchsvollen vielstimmigen Passagen, überläßt Chorsolisten das Wort. Wichtig und in der Tradition der griechischen Erzählkunst sind auch Wiederholungen einzelner Zeilen oder eines Gedichtanfanges als dramatisches Mittel der Betonung.

Das Vocal Concert Dresden zeigte sich dem Werk sehr verbunden, formte emotionsgeladene Strophen ebenso wie stille, langsam verhallende Motetten und brachte so das ganze Spektrum von madrigaler Kunst bis zu volkstümlichen Gesängen bzw. Tänzen (auf die sich Text und Theodorakis ausdrücklich beziehen) hervor – auf rein musikalischer Basis. Mit viel Liebe zum Werk schaffte es Peter Kopp, aus den scheinbar so unterschiedlichen Partikeln, sei es Musik, sei es Text, ein Gesamtwerk zu schaffen. (Die Sicht des Komponisten, wohlgemerkt zur Zeit, als das Werk erschaffen wurde. Denn wie Mikis Theodorakis selbst in einem Film von 2010 sagte, würde er Werke wie dieses heute ganz anders schreiben – nicht nur Geschichte, auch das Geschichtenerzählen ist einem stetigen Wandel unterworfen.) Frappierend, wie klar die einzelnen Stimmen dabei herauszuhören waren, egal, wie dicht sie verwoben gewesen sind.

Der »Liturgie Nr. 2« hatten Peter Kopp und das Vocal Concert Dresden ganz unterschiedliche Werke vorangestellt, die sich aber – in Musik oder Text – alle in Beziehung zu Theodorakis‘ Stück stellen ließen. So zwei die Ruhe und Klarheit verströmenden Madrigale Orlando die Lassos, mit denen der Abend begann. Reinheit in Gesang umgesetzt nahm schon hier gefangen. Nicht minder bannend waren aber auch die impulsiven, emotionalen Lieder Dmitri Schostakowitschs – in »Auf die Straße« hört man das kraftvolle Marschieren – und Peter Tschaikowskis (»Cherubinischer Gesang«). Mit Arvo Pärts »Magnificat« war das Werk eines anderen bedeutenden Komponisten unserer Tage zu hören. Seine Tonsprache ist oft schwebend, sphärisch, von großer Ruhe geprägt. Pärt steht in der Tradition jener Komponisten, die bis in unsere Tage kunstreiche volkstümliche Musik schaffen und gleichermaßen als klassische Komponisten Anerkennung finden. In Skandinavien und dem Baltikum findet man sie, aber eben auch einen im südlichen Europa – Mikis Theodorakis.

Der lange Abend fand einen erfreulich großen Publikumszuspruch, das Kirchenschiff der Martin-Luther-Kirche war vollbesetzt. Abschließend wurde noch der Portraitfilm »Mikis Theodorakis – Komponist« von 2010 in Anwesenheit der Regisseure Asteris Kutulas und Klaus Salge gezeigt. Das Schlußbild kann auch sinnbildlich für die Gegenwart im allgemeinen oder das Leben an sich aufgefaßt werden: Da legt Mikis Theodorakis zunächst seinen Stift beiseite, weil »alles gesagt« zu sein scheint, um ihn einen Augenblick später – der Abspann läuft bereits – schon wieder aufzugreifen. Etwas war ihm noch eingefallen, das hinzuzufügen ist, es geht noch weiter…

27. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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