Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit Sir Antonio Pappano und Jan Vogler

Die Dresdner Musikfestspiele ziehen viele große Namen an, Orchester, Solisten, Dirigenten. Am Freitag war es wieder einmal so weit: Antonio Pappano, einer der zur Zeit »heißesten« Dirigenten, war mit der Accademia Nazionale in Dresden, Intendant Jan Vogler trat ein weiteres Mal auch musikalisch auf.

Der Klang der Accademia Nazionale ist ein weicher, warmer, runder. Heißblütig könnte man ihn auch nennen, keinesfalls schwerfällig, entwickelten die Italiener auch gehöriges Temperament. Gleich zu Anfang zeigten sie sich als »Maler«, woben am Gemälde der Tondichtung »Die Toteninsel« von Sergej Rachmaninow. Arnold Böcklins gleichnamiges Bild hatte nicht nur den Kunstsinn seiner Zeit nachgezeichnet und geprägt, sondern auch den Komponisten tief beeindruckt. Er setzte es in Klang um. Im Gegensatz zum Bild oder Gemälde, das wir uns im Salon oder Museum beliebig oft anschauen können, muß dieses aber immer wieder neu erstehen. Die Accademia Nazionale sorgte dafür, mit viel dunklem Klang. Man konnte das im Bild dargestellte Boot praktisch ankommen und am Ende sich entfernen sehen. Dämmriges Licht, Schatten, dunkles Wasser, Düsternis und Trauer – vieles davon ist mit Stille behaftet und von Strawinsky doch in Klang umgesetzt. Antonio Pappano ließ es in der Semperoper zwingend und neu erstehen.

Und dann Tschaikowsky – die »Rokoko-Variationen«. Man könnte meinen, Jan Vogler beherrsche dieses (Lieblings?-)Stück im Schlaf. Doch geschlafen haben weder er noch Antonio Pappano. Im Gegenteil – hellwach und nun mit ganz zarten Klängen stellte sich das Orchester auf Stück und Solisten ein. (Es war beeindruckend, diese partnerschaftliche Verbindung, denn der Klang der Accademia Nazionale ist sonst groß und mächtig.) So geriet das Werk feinsinnigst, zunehmend erregend. Jan Vogler hatte sich offenbar entzünden lassen, spielte mit viel Risiko und Verve, ließ sein Cello singen, Antonio Pappano hörte ihm zu, begleitete feinfühlig und stets auf den Solisten bedacht. Während zu Beginn die Überleitungen zwischen den Variationen vor allem durch die schöne Gestaltung der Bläser gewann, rückte im weiteren Verlauf der Solist immer stärker in den Vordergrund. Die kadenzartigen Soli und immer virtuoser werdenden Passagen berührten am Freitag ungemein – perfekt abgerichtete Aufnahmen sind fades Zeug dagegen! Das Feuerwerk forderte leider seinen Tribut – mit dem letzten Ton zerbrach der Bogen des Cellisten! Ein kleines Drama, hoffen wir, daß es sich beheben läßt.

Mit Jean Sibelius‘ zweiter Sinfonie kehrte Antonio Pappano wieder zum klangkräftigen Gestus zurück. Energiegeladen trieb er das Orchester an, da konnte man den Dirigenten fauchend und stampfend erleben, der aber auch einemal mit »Pst!« für weniger Lautstärke sorgte. Das war gewaltig, mächtig. Vergleicht man es aber mit den filigranen Aufführungen, so fiel auf, daß diese Macht die Klangentfaltung auch erdrückte.

Derart aufgepeitscht ließ das Publikum auch nach Sibelius‘ »Valse triste« nicht locker und verlangte nach (noch) mehr. Und bekam es: in einer herrlich gehetzten, witzigen »Wilhelm Tell«-Ouvertüre. Ein bißchen wie zum »Neujahrskonzert«.

30. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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