Rückblicke auf Operngeschichte(n)

Dresdner Operngala an der Musikhochschule

Es war nicht eine »Dresdner« Operngala, weil sie in Dresden stattgefunden hat, sondern deshalb, weil sie besonders die Operngeschichte der Stadt widerspiegelte, also vor allem Werke, die hier entstanden oder uraufgeführt worden sind, in den Mittelpunkt stellte. Sie galt aber auch einem Mann, der sich gar nicht dorthin – in den Mittelpunkt – stellen wollte: Prof. Andreas Baumann war 41 Jahre dem Hause verbunden, leitete über zwanzig Jahre die Opernklasse, ist die letzten acht Prorektor gewesen. Mit dem Galaabend wurde er nun verabschiedet.

Den geschichtlichen Rückblick nahm Rektor und Dirigent Ekkehard Klemm, der nach der anfänglichen gemeinsamen Idee für die dramaturgische Ausgestaltung zuständig gewesen war, ernst. Er hatte einerseits auch Werke ausgewählt, die nicht in der Elbestadt entstanden oder uraufgeführt worden waren (wie Strauss »Ariadne«), legte aber auch Wert auf die modernen Stücke der Nachkriegs- und Nachwendezeit. Das Hochschulsinfonieorchester war für dieses reiche Spektrum vorbildlich präpariert und spielte gleich die »Freischütz«-Ouvertüre großzügig und frei atmend – dafür wurden die Bläsersolisten mit Extraapplaus gewürdigt. Gleich anschließend mußten sich sowohl das Orchester umformieren als auch die Musiker »umstimmen«, denn mit einer Arie aus Johann Adolph Hasses »Artaserse« ging es geschichtlich 90 Jahre ins Barockzeitalter zurück, um anschließend 200 nach vorne zu Siegfried Matthus zu »springen« – kein Problem! So erwiderte Andreas Baumann die an ihn gerichteten Dankesworte Ekkehard Klemms auch, daß er, der alle Hochschulorchester des Landes kenne, das Dresdner für das beste einschätze. Daß dies keine Lobhudelei war, konnten sich die Zuhörer am Wochenende überzeugen, als neben Weber, Hasse und Matthus auch Stücke von Richard Strauss, Robert Schumann, Udo Zimmermann und Aribert Reimann auf dem Plan der jungen Musiker standen. Eckehard Klemm freute sich zu Recht über diese Leistung und verwies darauf, daß Abende wie dieser uns die vielbesprochenen »geschützten Freiräume« zeigten: Musikalltag von Lehre und Praxis der Studenten an der Seite von Hochschullehrern und Profis.

Auch dies gehörte dazu: die auch von weither angereisten Alumni, welche als Solisten auftraten. Ob Stephanie Krone von den Landesbühnen Radebeul, der in Essen und Düsseldorf lehrende Martin Wölfel, der mit einem ständig zwischen Kopf- und Naturstimme wechselnden »Lear« beeindruckte, oder die Bayreuth-erfahrene, als »Komponist« (Strauss) stimmlich strahlende Claudia Mahnke – sie kamen alle gerne nach Dresden. Dabei ist so ein Auftritt an der ehemaligen Ausbildungsstätte und vor ehemaligen Lehrern oft heikler als der in einem großen Opernhaus und fremder Stadt. Henryk Böhm formulierte es so: Er war gespannt zu erfahren, ob er noch die gleichen Fehler mache wie früher. Die gestandenen Profis gemeinsam Studenten des Hauses auftreten lassen – wohlgemerkt ohne daß der Status der jeweiligen Sänger offensichtlich gewesen wäre. Auch das spricht für die Ausbildung der Dresdner Hochschule, und damit nicht unwesentlich für die Arbeit des aktuellen Rektors sowie des verabschiedeten Opernklassenleiters.

Vielfach gewandelt und musikalisch reich in jeder Hinsicht verflog die Zeit an diesem Abend – es waren beinahe drei Stunden! Sie brachten Ausschnitte wichtiger Werke auf die Bühne, wie Siegfried Matthus beeindruckend gestaltetes inneres Zwiegespräch des Cornet Rilke (Leonie Nowak und Aneta Petrasová), in dem Xylophon und Flöte eine Traumeben schaffen, auch das 1974 im Schauspielhaus uraufgeführte »Lewins Mühle« (Natalia Rubis, Henryk Böhm) von Udo Zimmermann (sein Bruder Ingo hatte auf Basis des Textes von Johannes Bobrowski das Libretto verfaßt). Richard Strauss wurde mit Ausschnitten aus zwei Opern bedacht. Zunächst mit dem Quintett »Die Dame gibt mit trüben Sinn…«, von Romy Petrick, Falk Hoffmann, den Studenten Martin Rieck und Timo Hannig sowie Henryk Böhm in ausgeglichenem Quintett dargeboten, bevor Romy Petrick in der anschließenden Arie »Großmächtige Prinzessin« der Zerbinetta die Koloraturen prächtig schillern ließ. Aus Robert Schumanns unglücklicher Oper »Genoveva« trugen Sulki Chung und Falk Hoffmann das betörende Duett »Wenn ich ein Vöglein wär‘« vor. Und damit war lange nicht Schluß. Wagner durfte natürlich nicht fehlen (Szene der Elisabeth mit Stephanie Krone und das Lied an den Morgenstern, Henryk Böhm). Der Abend endete mit den letzten Szenen aus dem »Rosenkavalier« (Terzett und Duett Marschallin-Octavian-Sophie, Claudia Mahnke, Stephanie Krone, Natalia Rubis).

Die Fortführung seiner Arbeit mit der Opernklasse hatte Andreas Baumann bereits im vergangenen Jahr in die Hände von Barbara Beyer gelegt, womit hoffentlich für Kontinuität gesorgt ist. Der persönliche Ansatz Andreas Baumanns, immer mit Psychologie und Nachdenken zu arbeiten, aber auch am Text zu bleiben, geht damit hoffentlich nicht verloren.

Der Abend wurde am darauffolgenden Sonntag wiederholt, als wiederum Studenten große Teile des Dirigates übernahmen.

31. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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