Eine chinesische Eurydike (?)

Eine ganz besondere Begegnung der Künste bietet zur Zeit das Kunstfest Dresden. In der Bogengalerie der Porzellansammlung ist eine Form der frühen chinesischen Oper, eine sogenannte Kunqu, zu erleben. Nicht irgendein Werk, sondern der »Päonien-Pavillon« von Tang Xianzu, einem der bedeutendsten chinesischen Dramatiker und Zeitgenossen William Shakespeares. Während in Europa Renaissance und Frühbarock erblühten, brachte die Ming-Dynastie in China zahlreiche Kunstwerke hervor. Und so wie Monteverdis wenige Jahre später uraufgeführter »L’Orfeo« einen Stoff der griechischen Antike aufgreift, geht auch der »Päonien-Pavillon« auf ein berühmtes Vorgängerdrama zurück.

Li-niang (die »Schöne Du«) begegnet dem jungen Gelehrten Liu Meng-mei in einem erotischen Traum. Ihre Liebe und ihr Begehren sind geweckt, jedoch kann sie ihn im wirklichen Leben nicht wiederfinden und stirbt an gebrochenem Herzen. Der Richter der Unterwelt ist jedoch überwältigt von ihren Gefühlen und erlaubt ihrem Geist, nachts auf die Erde zurückzukehren und nach Liu Meng-mei zu suchen. Dieser hat sich mittlerweile in ein Bildnis Li-niangs verliebt. Als beide sich schließlich finden, darf Liu Meng-mei seine Geliebte in ein irdisches Leben zurückführen.

Für die szenische Umsetzung wurden keine geringeren als Künstler des Shanghai Zhang Jun Kunqu-Kunstzentrums gewonnen. Die Musik der Oper leitet sich im wesentlichen aus der Klangsprache der Schriftzeichen ab, enthält aber auch schon damals bekannten Melodien. Im ganzen handelt es sich um ein monumentales Werk mit vielen Erzählsträngen, über 50 Akten und mehr als 100 Personen. Heute werden in der Regel Szenen daraus oder hauptsächliche Teile der Geschichte erzählt – so auch in Dresden. Damit verkürzt sich die Aufführungsdauer von über zwanzig Stunden auf etwas mehr als eine.

Das Shanghai Zhang Jun Kunqu-Kunstzentrum bringt das von Tan Dun mit Schauspielmusik angereicherte Werk in farbenprächtigen Kostümen und mit chinesischem Instrumentarium auf die Bühne. Zwischen den Ausstellungsobjekten der Porzellansammlung wie Vasen und Teeservices wird damit ein Stück chinesischer Kunstgeschichte erweckt. Und dies auf nahbare Weise, denn obwohl es weder Untertitel gibt und wohl nur die wenigsten Besucher den Text oder Teile des Textes verstehen (das setzte fundierte Chinesisch-Kenntnisse voraus), ist der Handlungsverlauf auch so klar und verständlich.

Auch wenn es keine reinen Tanzszenen gibt, ist ein choreographierter Bewegungsablauf ebenso wichtig wie mimisches Spiel (was durch die Nähe des begrenzten Raumes unterstützt wird) und eine mit wenigen traditionellen Instrumenten angefüllte Klangwelt. Und auch in der chinesischen Musik finden sich erzählende und schmückende Teile, werden Kopf- und Bruststimme eingesetzt, machen Gefühle und Gedanken deutlich, selbst wenn die Worte nicht verständlich sind. Das kleine Format lebt aber auch von der Exaktheit der Bewegungen, der Gesten, der (Klang-)Sprache.

11. September 2015, Wolfram Quellmalz

weitere Aufführungen folgen am 11. (17:00 Uhr) und am 12. September (19:00 Uhr)

Veröffentlicht in Oper

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