Ausdrucksstarker Erzähler

Liederabend mit Pavol Breslik im Rahmen des Dresdner Kunstfestes

Es war nicht nur der erste Liederabend im sogenannten »Riesensaal« des Residenzschlosses, es war auch die erste Konzertveranstaltung dort überhaupt. »Lied und Diplomatie« wird die Reihe genannt, in der – stellvertretend – jeweils Lieder eines der Länder, die für den Sächsischen Hof wichtige Partner gewesen sind, erklingen. Den Anfang machte am Montag der slowakische Tenor Pavol Breslik mit seinem Partner Robert Pechanec. Breslik hat vor allem im lyrischen Fach die Opernbühnen von Wien, München, Zürich oder Berlin erobert, tritt zunehmend aber auch mit Liederabenden in Erscheinung. Franz Schuberts »Die schöne Müllerin« erschien kürzlich (mit Amir Katz am Klavier) auf CD.

Nach Dresden hatte Pavol Breslik slowakische Lieder mitgebracht, Volkslieder, die in seiner Heimat »auf Hochzeiten und Beerdigungen« (Breslik) gesungen werden sowie ausgewählte Kunstlieder, die dem Tenor besonders am Herzen liegen, wie Leoš Janáčeks »Tagebuch eines Verschollenen«. An den Beginn hatten er und sein Partner vier Lieder Mikuláš Schneider-Trnavskýs gestellt, die sich bereits auf wesentliche Inhalte wie Ehe bzw. Hochzeit, die Mutter-Kind-Beziehung oder die Heimat besannen, wie sie auch in den Volksliedern Niederschlag fanden. Der Riesensaal trägt seinen Namen zu Recht – Pavol Breslik spielte mit der Akustik des Raumes, dem ungeheuren Hall, und nutzte oftmals den Nachklang für die Wirkung verblassender Worte. So war man – zwischen Vitrinen mit Prunkharnischen in der Mitte sitzend – von seinem betörenden Gesang praktisch umgeben, auch wenn der Tenor direkt vor einem stand. Robert Pechanec begleitete einfühlsam und zurückhaltend, was aber kein Widerspruch war und auch zu keinem Ungleichgewicht führte. Im Gegenteil zauberte der Pianist am geschlossenen Bechstein die Klänge einer mystischen Märchenwelt, gleichermaßen in Schneider-Trnavskýs Kompositionen wie dem balladenhaften »Vesper Dominicae« oder in den Volksliedern. Übrigens hat das Duo bereits Lieder Mikuláš Schneider-Trnavskýs aufgenommen, allerdings ist »Songs« offenbar nur als mp3-Download und nicht als CD erhältlich.

Zauberische Verführung und fröhliches Landleben, aber auch das Leid einer Mutter, die ihren Sohn im Krieg verloren hat, zeichnete Pavol Breslik sehr emotional nach. Die slawische Idiomatik, deren Sprache schon viel Gesangliches enthält, war hier eine Grundlage, welche der Tenor mit auf der Bühne geschulter Ausdruckskraft bereicherte.

Der Nähe zur szenischen Darstellung entsprach auch im zweiten Teil Leoš Janáčeks »Tagebuch eines Verschollenen«, nun mit Alena Kropáčková (Alt) sowie drei weiteren Frauenstimmen. Das zyklische Werk erzählt die Geschichte eines Bauern, der sein Feld pflügt, sich aber von der am Rande stehenden Zigeunerin Steffka verführen läßt. Statt der Fröhlichkeit der ersten Lieder gab es nun ein Drama um verborgenes und verbotenes, das zuweilen sogar Erlkönigsängste durchschimmern ließ. Doch nicht Krankheit, Selbstmordgedanken sind es hier, die vorrübergehend aufkommen. Pavol Breslik formte das Drama der Lieder stark aus. Der Fall des Verführten zum Verzweifelten ließ auch seine Stimme mit etwas Übermaß ins gewaltige wachsen. Erschlagen fühlte sich aber niemand, und so gab es am Ende stehende Ovationen für das Duo.

15. September 2015, Wolfram Quellmalz

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