Kennen Sie Kurtág?

Sonderkonzert zum Gründungstag der Sächsischen Staatskapelle unter dem Schlingrippengewölbe der Schloßkapelle

György Kurtág ist in dieser Saison der Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle. Innerhalb weniger Tage wurden bereits vier seiner Werke in Konzerten des Orchesters gespielt. Schön. Mit einer Gesamtspieldauer von zusammengenommen etwa einer viertel Stunde. Bitte? Ja, richtig, eine viertel Stunde. Nach Werken von etwa drei und knapp zehn Minuten Länge zum ersten Aufführungsabend waren jene im gestrigen Sonderkonzert jeweils circa eine Minute lang (vielleicht etwas mehr). Immerhin erklang dabei eine Uraufführung. Nur: wurde es bemerkt? In der laufenden Spielzeit wird es noch zwei weitere Werke des ungarischen Komponisten bei der Staatskapelle zu hören geben, diesmal im Rahmen der Sinfoniekonzerte: im Oktober erklingt »Grabstein für Stephan« (circa neun Minuten), im Juli dann wird mit »Stele« das längste Werk (über zwanzig Minuten) erklingen. Macht zusammen weniger als eine Stunde, ein Bruchteil dessen, was allein in Konzerten von der Staatskapelle gespielt wird. Was die Kammerabende und -matinéen noch bringen werden, wird sich zeigen. Für das erste dieser Konzerte ist Kurtágs »Hommage an Robert Schumann« angekündigt – also etwa elf Minuten mehr (eine runde Stunden nun insgesamt). Zeitgenössische Kompositionen sollten sich tiefer in den Spielplänen verankern und zu mehr Auseinandersetzung führen, in diesem Format erscheinen sie wie ein Alibi, aber nicht wie Passion oder Traditionspflege.

Und dieser, der Tradition, ist das älteste ununterbrochen bestehende Orchester der Welt natürlich verpflichtet. Daß man zum Geburtstag der Kapelle nicht auf Wagner und Strauss, sondern auf die barocken Wurzeln zurückkam, auf Hasse und Vivaldi, ist daher nicht nur gerechtfertigt, sondern angebracht. Und hier verrieten die Musiker, daß sie eines haben – Passion. Für den Abend hatte man Alessandro de Marchi verpflichtet, einen Spezialisten vor allem für die Alte Musik. Johann Adolf Hasses Sinfonia zur Oper »Cleofide« eröffnete das Konzert gleich mit vielen Bläsersoli – sie sollten dem Abend noch viele Glanzpunkte verleihen. Mit (musikalischen) Seufzern und Girlanden, mit perlendem Cembalo und einer fein und leise singenden Oboe wurde ein Stück Vergangenheit lebendig. Noch – dem Anlaß angemessen – festlicher wurde es im dritten Teil mit Vivaldis Konzerten, eines (RV 577) von ihm der damaligen Capelle gewidmet, und auch das zweite (RV 568) fand über den Kapellmeister Johann Georg Pisendel seinen Weg nach Dresden. Heute liegt der Autograph in der Universitätsbibliothek verwahrt. Bei Vivaldi verbanden die Musiker prächtige Bläser mit goldenem Streicherklang. Passend zur Jahreszeit fanden sich in beiden Sätze mit Herbststurm-und-Jagdcharakter, vor allem von den Hörnern prächtig »eingeblasen«.

Dazwischen, kaum bemerkbar, zwei Miniaturen György Kurtágs. Schattenspiele beides, das Uraufgeführte »…a Százévesnek…« sowie die »Sinfonia breve per archi« schaffen Stimmungen und spielen scheinbar nur Nebenthemen. Lautmalerisches oder vordergründiges sucht man vergebens, es sind Werke zum Suchen und Eintauchen, zum Verweilen (eigentlich). Minimale Figuren, einzelne gezupfte Baßtöne schaffen eine Stimmung fernab von »Minimal music«. Schön wäre es gewesen, den Stücken einen passenden Rahmen zu geben.

Auch das gehört zur Tradition der Kapelle: Werke von Musikern und Musikerkollegen, die hauptsächlich als Instrumentalisten auftreten, nebenbei aber und gelegentlich komponieren. Johann Georg Pisendel gehört in diese Reihe, von den heutigen Musikern verkörpert Petr Popelka (stellvertretender Solokontrabassist) diesen Genius, in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde ein Klavierkonzert von Adolf Busch, dem Bruder des Kapell-Dirigenten Fritz Busch, mit Rudolf Serkin uraufgeführt. Das »Divertimento« op. 30 erklang nun wieder einmal, sechs farbenprächtige Sätze voller Anspielungen und Wechselwirkungen. Erstmalig an diesem Abend in Kammerorchesterstärke, entwickelte die Staatskapelle, angetrieben wieder von den Bläsern und Pauken, einen musikalischen Bilderreigen, Schauspielmusik, scheint’s, die auch an die Opern der Zeit erinnerte. Buntes (Herbsttreiben), Versteckspielen bei Nacht – damit bereitete der Abend zum Schluß noch eine (Wieder-)Entdeckung.

Trotzdem: auch wenn es nicht ein »Geburtstagskonzert«, sondern ein Sonderkonzert zum Gründungstag des Orchester gewesen ist, so war diese Dramaturgie doch allzu unglücklich. Nach etwa 70 Minuten war alles vorbei – schade.

23. September 2015, Wolfram Quellmalz

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