Wiener Klassik in feiner Gewandung

Pianofortefest Meißen schließt mit einem Klavierabend im Landesgymnasium St. Afra ab

Für seinen Auftritt in Meißen hatte Jacob Leuschner, derzeit als Klavierprofessor an der Hochschule für Musik in Detmold, ausschließlich Werke der Wiener Klassik ausgesucht. Sicheres Terrain, wird mancher vielleicht denken, publikumsfreundlich, einseitig. Nein – keineswegs. Denn innerhalb dieses scheinbar engen Rahmens hat der Pianist einen weiten Bogen geschlagen und erinnerte daran, daß die Wiener Klassik eben nicht zuletzt reichhaltig und deshalb so bedeutend ist – es gibt mehr als nur die letzten Sonaten von Haydn, Mozart oder Beethoven. Keine davon erklang, dafür Franz Schuberts »Gasteiner« (D 850) im ersten Programmteil sowie Joseph Haydns späte Es-Dur-Sonate (vermutlich die drittletzte) im zweiten. Davor hatte Jacob Leuschner jeweils kurze Stücke gesetzt, und so begann er den Abend mit Schuberts Deutschen Tänzen (D 790). Bündig aneinandergereiht schuf er aus den kurzen Stücken einen kleinen Zyklus mit kräftigen Farben (wie man sich die gesunde Ländlichkeit vorstellt) und viel Heiterkeit, aber auch mit zärtlicher Anschmachtung (h-Moll, Nr. 5), formulierte den Ländler Ces-Dur (Nr. 8) als Frage, verlieh jenem in H-Dur (Nr. 9), leicht gebremst, den behäbigen Charme einer Rumba und ließ die kleinen Meisterwerke still ausklingen.

Ohne Übertreibung, im »Wiener Maßanzug« sozusagen, variierte der Pianist Tempi und Modulationen. So auch in Schuberts D-Dur-Sonate, einem heiteren Stück, das eine gute Portion Verwegenheit enthält. Flink, getrieben jagt Schubert durch die Motive, Jacob Leuschner belebte diese mit Maß, hervorragend ausbalanciert in den Themen sowie in Melodie und Baßbegleitung. Mit kleinen Tempoverrückungen hielt er kurz inne, verweilte, um gleich anschließend eine perlende Obertonmelodie in den Saal zu streuen. Das Andante übertrifft das Allegro noch einmal in Länge und Komplexität erheblich. Jacob Leuschner gestaltete es als träumerische Erzählung mit einem heiteren Trio. Ausgewogen auch hier sein Pedaleinsatz, mit dem er der Sonate zu einen Schwebezustand verhalf. Mit einem impulsiven Scherzo und einem heiteren Rondeau voller Vogelgezwitscher ging es in die Pause.

Im zweiten Teil folgten zunächst vier Stücke Wolfgang Amadeus Mozarts. Das Rondeau D-Dur (KV 485), das Adagio h-Moll (KV 540), das Menuett D-Dur (KV 355) sowie die »kleine Gigue« G-Dur (KV 574) weisen zwar keine zwingende innere Bindung auf, kamen in dieser Zusammenstellung der Idee einer Sonate aber sehr nahe. Vor allem die Folge von Menuett und Gigue erschien aus einem Guß. Jacob Leuschner hat den gediegenen Wiener Ton offenbar verinnerlicht, konnte ihn mühelos abrufen, kernigen Baß und Mozartische Leichtigkeit aus dem Thürmer-Flügel hervorzaubern.

Der Beginn von Haydns das Programm beschließenden Sonate erschien zunächst heftig, doch auch hier zeigte sich, daß der Pianist die Bandbreite der Gestaltung auch dynamisch anzuwenden (wohlgemerkt: nicht »auszureizen«) verstand. Mit kleinen Verrückungen auch hier strich er Haydns Witz heraus, ließ Motive »um die Ecke« winken, selbst staunend zu gegenwärtigen, was für Ideen aus dem Stück hervorpurzelten. Manches Innehalten war vielleicht etwas lang, dehnte das Werk und unterbrach den Fluß ein wenig.

Jacob Leuschner überzeugte mit Gestaltungskraft und Maß, mit Musik, nicht mit »Dosierung«. Sicher hätte er mit einer beeindruckenden Zugabe das Publikum auch zum Stehen oder zum »Bravo!«-rufen animieren können, doch er verabschiedete sich still, mit einem bezaubernden Nachtstück, Mozarts Adagio für die Glasharmonika in C-Dur (KV 617a).

Im April war der Pianist übrigens im Bochumer Thürmer-Saal zu Gast gewesen, hatte dort unter anderem Beethovens wunderschönes »Andante favori« gespielt, Mozart, aber auch interessante Bearbeitungen. Da kann man nur hoffen, daß er auch wieder nach Meißen eingeladen wird…

24. September 2015, Wolfram Quellmalz

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