Klarsichtiger Messiaen, sinnlicher Mozart

Bertrand de Billy dirigierte den Dresdner Kammerchor und die Dresdner Philharmonie in der Dresdner Frauenkirche

Vor genau sieben Tagen hatte die Philharmonie unter dem Dirigat Peter Schreiers ein beeindruckendes Requiem in der Kreuzkirche erklingen lassen, am Sonnabend brachte sie in der Frauenkirche Wolfgang Amadeus Mozarts zweites großes kirchenmusikalisches Werk, die Missa c-Moll KV 427, zur Aufführung. Manuel Pujol, in Dresden an der Musikhochschule ausgebildet, hatte dafür den Dresdner Kammerchor vorbereitet.

Zunächst erklang jedoch Olivier Messiaens »Les Offrandes oubliées« (Die vergessenen Gaben Gottes), ein musikalisches Triptychon mit dem Kreuz, der Sünde und der Eucharistie zugeordneten Teilen. Unabhängig davon, ob man Messiaens synästhetische Farbbeschreibungen nachempfinden konnte, lebte das Werk vom Ausdruck der Stimmungen. Die Philharmonie bewies, daß mit dem ersten Gastdirigenten innige Verbundenheit und musikalisches Einverständnis bestehen. Bertrand de Billy entfaltete drei Welten, wobei sich zwar nur der Mittelsalz mit Rasanz zu einer Höllenfahrt entwickelte, deren expressiver Schluß eindrucksvoll in die Kirchenkuppel schwebte, die Ecksätze dafür Kraft aus der Ruhe schöpften. Mit sparsamen Mitteln schafften de Billy, Kammerchor und Philharmonie lichte Spannung.

Für Mozarts Messe kamen noch die beiden Soprane Mari Eriksmoen und Jennifer Holloway, Tenor Dovlet Nurgeldiyev und Baß Andreas Scheibner hinzu, wobei nach Anteilen ein starkes Ungleichgewicht zwischen den Stimmen besteht, da Mozart die Frauenstimmen klar bevorzugt hat.

Im Gegensatz zum leichten, nahezu kammermusikalischen Ton des Orchesters, das bei Messiaen teilweise wie ein Streichquintett mit Bläsern klang, schöpfte de Billy den Streicherklang nun reichlich. Daraus erhoben sich immer wieder betörende Soli, wie im Cum sancto spirito, wenn die Oboe den Chor begleitete oder im Et incarnatus est, als sich mit der Flöte beginnend nacheinander alle Holzbläser beteiligten und mit einem schwebenden Fagott verklangen. Präzise war der Chor, und mit Ausnahme weniger Einsätze (Gloria, Credo) warm temperiert erwies er sich als tragende Kraft und Hauptakteur des Abends, wofür ihm vom Dirigenten auch der erste Applaus gegeben wurde. Allerdings schienen auch beim Kammerchor die Männerstimmen etwas in der Unterzahl zu sein.

Bei den Solisten hatte man ein Quartett mit zwei unterscheidbaren Soprancharakteren zusammengestellt. Während sich Mari Eriksmoen klar und hell durch die halsbrecherischen Koloraturen schwang – im Kyrie und im Gloria gibt es enorme Tonstufen – gestaltete Jennifer Holloway ihren Teil wärmer timbriert. Insgesamt erschienen sie aber nicht ausgewogen, was sich spätestes im Trio mit dem Tenor (Quoniam) zeigte, als Jennifer Holloway kaum zu hören war. Auch Mari Eriksmoen mußte ihrem anspruchsvollen Part am Ende Tribut zollen, als ihr die Mühelosigkeit wie zu Beginn etwas abhandenkam. Dagegen konnten beide aber auch nicht von dem Vorteil der Sänger zehren, die mit der Akustik des Ortes durch häufige Auftritte bekannt sind.

Insgesamt jedoch eine überzeugende Leistung, gerade weil Bertrand de Billy den Farbenreichtum beider so unterschiedlicher Werke umzusetzen verstand.

27. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

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