Schütz in Schütz’ Kapelle

Gleich mehrfach kann man in diesen Tagen die Musik Heinrich Schütz‘ in seiner ehemaligen Wirkungsstätte hören. Am Dienstag erklang in der Reihe der Konzerte des Kunstfestes eine Auswahl aus der Geistlichen Chormusik mit dem Dresdner Kammerchor und Hans-Christoph Rademann, gleich am morgigen Donnerstag werden mit der Capella Augustana geistliche Konzerte erklingen, dann im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes, welches sich direkt an das Kunstfest anschließt.

Allerdings ist es leider nicht ganz die alte Wirkungsstätte. Abgesehen von dem prächtigen, rekonstruierten Schlingrippengewölbe und der Kubatur des Raumes erinnert fast nichts an Schütz‘ Zeit. Der Rohbeton, der an großen Flächen und an Säulen zutage tritt, sorgt für eine »recht trockene« Akustik, wie Hans-Christoph Rademann meinte – man könnte auch »staubtrocken« sagen. Gift für den Gesang, mancher Solist oder Chor würde hier scheitern, der Dresdner Kammerchor und sein Leiter sind erfahren genug, um das beste daraus zu machen. Im Gegenteil vermochten sie sogar, die Inspiration des Ortes zu vermitteln. Dazu bedurfte es aber einigen Einsatzes, denn einen Nachhall gibt es praktisch nicht, begleitende Instrumente sah Schütz nicht vor, somit beschränkt sich der Klang auf den Atem und die Stimme der Sänger, auch forderte Rademann immer wieder energisch noch mehr Einsatz.

Wer den Dirigenten und Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart bereits erlebt hat, weiß, daß er gerne vermittelnde Worte zu Werken und Komponisten findet, und dies auch kann. Schütz, so Rademann, sehe er heute der Qualität nach auf der gleichen Stufe wie Bach, er sei unser immer noch gültiges musikalisches Fundament. Wie kein anderer habe der Komponist das Wort durchleuchtet und (er)kenntlich gemacht.

Und genau dies konnte man im Konzert auch verfolgen, etwa, wenn in SWV 378 nach getragener Einleitung in der Zuversicht »Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten« eine Wendung eintritt: »Und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben«. Wenn in »O lieber Herre Gott« (SWV 381) »wecke uns auf« als wahrhaftiger Weckruf erschallt oder wenn im abschließenden »Das ist je gewißlich wahr« (SWV 388) immer wieder der Kern, »zum ewigen Leben«, ausgeleuchtet wird. Dazwischen ließ sich Rademann auch Zeit, den Glockenschlag um neun Uhr abzuwarten. Was nicht heißt, daß dieser das Konzert gestört hätte, vielmehr waren Anlaß und Ort geeignet zu erinnern, wie schön, individuell und friedenspendend Glockenschläge empfunden werden können – in unserem Alltag eine Seltenheit.

Der Dresdner Kammerchor erwies sich als meisterlicher Beherrscher der Werke Schütz‘. In den Tiefen dieser Auslotungen, in polyphoner Mehrchörigkeit ist er zu Hause, hier hat ihn Hans-Christoph Rademann geformt. Und daß dies kein konservierter Klang ist, sondern lebendige Musik, konnte auch die trockene Akustik nicht verbergen.

30. September 2015, Wolfram Quellmalz

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