elole-Klaviertrio mit »Goldener« Uraufführung

Mit gleich drei Uraufführungen war das elole-Klaviertrio in den Konzertsaal der Dresdner Musikhochschule gekommen: Karoline Schulz’ »Ein Bilderbuch für Klaviertrio«, Robin Hoffmanns »2EE – für Erwachsene, mit erheblichen Vorbehalten« sowie Nikolaus Brass’ »Klaviertrio Nr. II« – alle drei Werke sind erst in diesem Jahr entstanden bzw. vollendet worden. Eines davon war das »goldene«, das fünfzigste, welches das Trio seit seiner Gründung 2001 uraufführte. Welches es aber genau gewesen ist, verriet Cellist Matthias Lorenz nicht, denn die Programmreihenfolge sollte musikalische und nicht von einer »Platzvergabe« bestimmt sein.

Nikolaus Brass ist bei der Komposition seines Trios einem Weg gefolgt, hat das Entstehen formuliert und sich dabei selbst leiten lassen, auch neue Impulse noch während des Komponierens aufgenommen. Er beschreibt vor allem das »Davor« und »Danach« und setzt das »Jetzt« oder »Ist« gar nicht in Szene. Diesem Gedanken folgend und das »Ist« als musikalische Metapher verstehend hört man also das Entstehen eines Stückes sowie dessen Nachklang, nicht aber das Stück selbst, wobei der Komponist die Reihenfolge auch noch getauscht hat. Es beginnt daher mit dem Nachhall, wehmütigen Tönen und Akkorden der beiden Streicher, in die das Klavier zunächst einzelne Töne wie Kommentare fallenläßt, aber schließlich eine solistische Erzählung beginnt. Dann treten die Streicher wieder hinzu, halten Töne. Mit diesem Auftauchen, Entstehen und Verenden schafft das elole-Klaviertrio Atmosphäre, das »Drumherum« um das Weggelassene. Mittendrin (also gegen Ende des zuerst gespielten »Danach«) werden von allen drei Spielern Sätze aus Danilo Kis »Sanduhr« gesprochen, bevor das Werk in einer Metamorphose mit geschlagenen Tönen und längs gestrichenem Cellosaiten nach scheinbar chaotischen Überlagerungen zu implodieren scheint – was folgt nach der Implosion? Ist sie Ende oder Anfang von etwas neuem? Hier folgt nach diesem Ende der eigene Anfang, vom elole-Klaviertrio als Energiestrom gespielt, und endet dort, wie das Werk begann. Setzte man »Danach« und »Davor« in der richtigen Reihenfolge zusammen, wäre das Stück also »bündig«.

»2EE – für Erwachsene, mit erheblichen Vorbehalten « bezieht sich auf die Prädikate des katholischen Filmdienstes, wie sie in den fünfziger Jahren vergeben wurden. Robin Hoffmann bezieht sich aber auch auf die Musik der damaligen (nicht seiner eigenen) Jugend. Bill Haley, Little Richard oder Jerry Lee Lewis tauchen auf, jedoch wird keiner dieser Musiker zitiert. Hoffmanns Werk holt vor allem Takt und Rhythmen in die Welt des Klaviertrios, beginnt mit parallel gespielten Tönen, die wie Fetzen eines durchlöcherten Musikstückes klingen. Der Komponist entwickelt nicht Motive oder Themen, sondern läßt Duktus und Melodik entstehen und wirken. Kurze Melodien tauchen auf, das Cello wird zum Jazz-Baß, die Violine zum Banjo. Sobald sich eine Wirkung entfaltet hat, wechselt Hoffmann die Melodik. Trotz aller Entfremdung bleibt diese dennoch unverkennbar.

Den nachdrücklichsten Eindruck hinterließ (mit dem kurzen zeitlichen Abstand dieser Zeilen) Karoline Schulz‘ Trio. Sie beschreibt darin nicht nur bildhafte Szenen, sondern entwickelt Klänge von geradezu haptischer Qualität. Wie im dritten Satz, dessen Sujet die raue Steinwand oder der Putz eines Hauses ist. Wie das elole-Klaviertrio hier die Idee, Sprödigkeit einzufangen, spannend auferstehen ließ, war phaszinierend! Doch schon mit dem Beginn »Holunderbusch« ließen sie im Wind schwankende Blütendolden und Tautropfen imaginieren. Die thematische oder programmatische Erklärung von Stücken ist oft heikel, nicht zuletzt, weil von der Umsetzung und Niederschrift einer Idee des Komponisten bis zur Entschlüsselung des durch Musiker aufgeführten Werkes durch Zuhörer mehrere Brücken überschritten werden müssen. Karoline Schulz‘ Trio entspricht aber gleichermaßen ihrem erklärenden Text, wie es Freiheit zur Interpretation läßt. Dem Labyrinth des »roten Fadens« (2. Satz) zu folgen, dessen Weg nicht geradlinig verläuft, sondern schief zu geraten und abzugleiten zu drohen scheint, war inspirierend (und selbst die aus aufführungspraktischen Gründen gewählte Verkürzung ergab keinen Bruch). Mit dem abschließenden »Zwischen den Sternen« beschreibt Karolin Schulz schließlich nicht nur den (vorgestellten) Raumklang des Weltalls (eigentlich müßte es lautlos sein – doch wer kann das nachprüfen?), sondern auch entstehen und verlöschen von Sternen. Das Stück endet, als zerbröselte eine Galaxie.

26. November 2015, Wolfram Quellmalz

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