Unter Beobachtung

Philip-Glass-Oper »The Trial« nach Franz Kafkas Romanfragment »Der Proceß« am Theater Magdeburg

Franz Kafkas Werke gehören nicht nur zu den modernen Klassikern, sind nicht nur Schullektüre und Teil des Kanons, sie werden auch gelesen – weltweit. Nicht zuletzt waren und sind sie aber auch immer wieder Ausgangspunkt für Adaptionen, sei es des Films oder auf der Bühne. Zentrale Werke Kafkas sind nur unvollendet, als Fragmente erhalten, allerdings nicht in Form begonnener Ideen oder Notizen, sondern als meistens ausgearbeitete Kapitel, und lassen sich als Romane lesen, die aber Lücken aufweisen. Diese offenbaren sich dort, wo Kafka Anschlüsse zwischen einzelnen Teilen (noch) nicht hergestellt oder in Situationen, die er (noch) nicht aufgelöst hatte. Außerdem ist – so auch bei »Der Proceß« – in einigen Fällen die Reihenfolge der Kapitel noch nicht festgelegt bzw. sind Kafkas Absichten diesbezüglich nicht schriftlich überliefert. Unsere heutige Lesart wurde maßgeblich durch Max Brod beeinflußt, welcher die Werke (gegen den Willen des Autors) erhalten und herausgegeben hat, wobei er hinsichtlich der Lücken allerdings auch einige Eingriffe, sich dabei auf persönliche Gespräche mit Kafka berufend, vornahm. Nachfolgende Ausgaben und Theaterproduktionen setzen sich deshalb auch mit diesem Abschnitt der Rezeptionsgeschichte auseinander. Das Stadium eines Fragmentes steht einer Bearbeitung der Werke für die Bühne dabei ebenso im Wege, wie es Ansatzpunkte für Interpretationen oder Übertragungen eröffnet.

Lebendigkeit und Aktualität der Texte Franz Kafkas lassen sich nicht zuletzt an einer anhaltend großen Anzahl von Film- und Theaterproduktionen ablesen. Nach »Amerika« im Dresdner Schauspielhaus Ende April (https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2015/04/30/amerika-literaturadaption-nach-franz-kafkas-romanfragment-am-dresdner-schauspielhaus/) und »Die Verwandlung« am Schweriner Theater Anfang November (https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2015/11/11/faszinierendes-kammerspiel/) haben die Neuen (musikalischen) Blätter in der vergangenen Woche Philip Glass‘ Oper »The Trial« am Theater Magdeburg besucht. Als Kooperation mit dem Music Theatre Wales, dem Linbury Studio Theatre des Royal Opera House Covent Garden und der Scottish Opera wurde das Stück am 10. Oktober 2014 im Linbury Studio Theatre in Wales uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung fand schließlich am 2. April dieses Jahres in Magdeburg statt. Hier ist das Stück noch zweimal im Dezember zu erleben, Aufführungen an den Spielorten sowie ein Gastspiel in Rumänien werden folgen.

DAS STÜCK

Josef K., Prokurist einer Bank, wird am Morgen seines 30. Geburtstages verhaftet. Einen Grund dafür nennen ihm aber weder die Wächter noch der Untersuchungsinspektor, auch später wird »K.« ihn nicht erfahrene. In den folgenden Wochen und Monaten findet ein Prozeß statt, an dem K. teilnimmt, den er aber auch als grotesk, unglaublich, wahrnimmt. Sein Onkel besucht ihn überraschend, drängt ihn, seinen Fall dem Advokaten Dr. Huld anzuvertrauen. Der Prozeß selbst scheint aber ziellos und von unsichtbaren Mechanismen gesteuert und dient – wie K. schließlich feststellen muß – keineswegs einer Wahrheitsfindung. Faßbar sind für K. weder das Verfahren noch die beteiligten Menschen. Immer wieder wird er durch (eigene) Entdeckungen überrascht. So scheinen seine Aktivitäten auch wenig stet oder zielgerichtet. Da sein Advokat nichts auszurichten vermag, alles zu stagnieren scheint und immer verworrener zu werden droht, entläßt K. schließlich Dr. Huld. Später trifft K. in einer Schlüsselszene den Gefängniskaplan im Dom. Der Kaplan erzählt ihm das Gleichnis des Torhüters (einen Text, den Kafka vom Roman losgelöst bereits veröffentlicht hatte). Schließlich wird K., ohne an einer weiteren Verhandlung oder Urteilssprechung teilgenommen zu haben, von zwei Wächtern abgeholt, aus der Stadt herausgebracht und hingerichtet – er läßt es geschehen, resümiert aber bitter »Wie ein Hund«.

PHILIP GLASS‘ MUSIK

Philip Glass hat in seiner Jugend Kafka – damals in der englischen Übersetzung noch ein relativ neues Werk – gelesen und sich für dessen Werke begeistert. So war es schließlich auch seine Idee, »Der Proceß« zu vertonen. Das Music Theatre Wales und Michael McCarthy, bereits in früheren Produktionen Partner Glass‘, gehören deshalb neben London, Magdeburg und der Scottish Opera zu den Auftraggebern.

Die Musik für »The Trial« ist ein permanenter, durch zahlreiche Klangeffekte angereicherter Strom kleiner Partikel, Muster, Wellen. Insgesamt nur dreizehn Musiker (Magdeburger Philharmonie unter Hermann Dukek) sitzen vor der Bühne, einfach besetzte Streicher, Bläser, Klavier und Celesta sowie verschiedene Glöckchen und Schlagwerke. Damit beschreibt Glass lebhaft und farbenreich ein pulsierendes, flirrendes, unentwegtes Geschehen, gewährt weder dem Stück noch dem Protagonisten eine Pause oder Innehalten. Da Glass‘ »Minimal Music« auf Themen weitgehend verzichtet, sind charakteristische Motive für Figuren und Szenen kaum enthalten, schlagen sich dafür aber in den Stimmungen nieder, die durch die Komposition des Klangs gefärbt werden. Das ist ungeheuer eingängig und vermag auch über die Länge des Abends spannend zu sein und die Neugier der Zuhörer zu erhalten. Damit entzieht Glass seiner Musik allerdings auch die wesentliche, dramaturgische Funktion und schränkt nicht zuletzt die Möglichkeiten, den Text (in anderen Produktionen) abweichend auszulegen, ein. Glass schafft nur wenige an der Handlung orientierte Spannungshöhepunkte oder Einschnitte. Wenn beispielsweise die Szene der Entlassung des Advokaten beginnt, kündigt die Posaune das Drama zwar an, doch im Moment, da der Bruch vollzogen wird – was eine Wendung für K.s Schicksal bedeuten könnte – fließt die Musik unvermindert weiter. Zwar ändert sie die Richtung, folgt jedoch auch dem Verdikt der Stetigkeit. Die symbolhaften, klangbildlichen Effekte der Hammerschläge, welche am Ende die Hinrichtung K.s begleiten, bilden eine Ausnahme.

Üblicherweise charakterisiert die Musik einer Oper sowohl die Personen, spiegelt also deren Denken, Empfinden und Handeln wider, die Situationen, Stimmungen, kündigt kommendes an. Glass‘ Musik verweigert sich jedoch dieser Funktion oder widerspricht ihr, ist vielmehr selbst Teil der Auslegung, der Interpretation – Musik und Inszenierung scheinen stark aneinander angelehnt. Die Hauptperson ist hier ein stetig getriebener, unter Druck stehender, eilender Mensch – das trifft aber so gar nicht zu. Anders als in »Amerika«, dessen Karl Roßmann tatsächlich ein Leben im »Hamsterrad« zu führen scheint, stellt »Der Proceß« dagegen das Absurde in den Mittelpunkt. K. ist über weite Strecken verwirrt und erstaunt, was alles passiert und ihm widerfährt. Er rekognosziert quasi kopfschüttelnd das Absurde, ist aber überrascht und überfordert – er kann es nicht »steuern«. Somit erscheint er nach außen eher passiv und phlegmatisch – sein Onkel wirft ihm sogar Gleichgültigkeit vor. (Er sagt ihm aber auch sein Ende voraus: »Einen solchen Prozeß haben, heißt ihn schon verloren haben«.) Das ungläubige Staunen bindet Philip Glass aber nicht in seine Musik ein. Folgt man wiederum dem Ansatz, daß »Der Proceß« als Traum zu deuten ist, läßt sie sich als nur mittelbar mit dem Geschehen verbundene Untermalung verstehen, bekommt damit aber eben auch eine andere »Funktion«, ist mehr Hintergrund und Seelenspiegel als tragender Teil der Handlung.

DIE MAGDEBURGER INSZENIERUNG

Regisseur Michael McCarthy rückt vor allem das Getriebensein in den Vordergrund. Der Magdeburger Dramaturg Benjamin Wäntig erklärt das Geschehen sogar als Kritik oder Analyse Kafkas an totalitären Strukturen und deren Auswirkungen – Bespitzelung und Manipulation, wie wir sich durch die Fälle WikiLeaks und Edward Snowden kennen. Oder wie sie uns Big Brother und »The Truman Show« vorspielen. McCarthy und sein Team haben dies szenisch treffend umgesetzt, so sind die handelnden Personen niemals allein – immer gibt es jemanden, der mithört, lauscht, zuschaut, im Verborgenen spät. Und wenn es gerade nichts zu lauschen oder zu spähen gibt, werden Dokumente gelesen, Akten, Berichte über K., so scheint es. Dies alles passiert in einem einzigen Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Simon Banham, Ausführung für alle Spielorte durch die Werkstätten am Theater Magdeburg), das Wände, Türen und Fenster hat und als Imaginationsort für das Zimmer K.s, das Büro, den Verhandlungssaal oder den Dom eingesetzt wird, was aber auch problemlos gelingt.

Christopher Hampton, ebenfalls ein erfahrener Theatermann, hat auf Basis des englischen Textes das Libretto geschrieben, das ganz dem Original verschrieben ist. So finden die Zuschauer auch in den Übertiteln die Dialoge des Buches nahezu wörtlich wieder.

Beeindruckend ist aber vor allem die sängerische und schauspielerische Leistung. Die Reduktion der Bühne fokussiert das Geschehen auf die Personen. Johnny Herford als K., neben Michael J. Scott und (an diesem Abend für das erkrankten Magdeburger Ensemblemitglied Markus Liske) Michael Bennett einer der Gäste aus England, steht mit kurzen Unterbrechung zu Beginn des zweiten Aktes den ganzen Abend auf der Bühne. Gehetzt und überrascht stolpert sein K. von Falle zu Falle, ist aber selbst eine absurde Figur, welche Abenteuern mit Frauen nachgeht, statt sich zu verteidigen und der Gefahr zu entgehen. Oder hat er die Sinnlosigkeit des Wehrens erkannt, die Machtlosigkeit gegen das System, und nimmt sein Ende hin? Hermann Dukek koordiniert all diese Ströme, behält die Musik im Fluß und die Bühne im Blick, so daß es keine Unterbrechung der Stetigkeit gibt. Die Musik kann sich nicht nur entfalten, sie bleibt auch den Abend über mit dem Spiel auf der Bühne »in Deckung«.

Nicht weniger imposant aber sind die anderen Beteiligten, die kaum weniger zu tun haben – mit Mehrfachrollen ausgestattet, stellen sie zwei oder drei verschiedene Charaktere dar und müssen sich immer wieder umziehen – hin und her. Die beeindruckendste Charakterisierung gelingt kurz vor Schluß Roland Fenes, der in einem langen Monolog und einer widerlichen Szene K. Einblick in seine Welt des Gerichtes gibt – und dabei einen anderen Klienten demütigt.

Resümee: Mit ein paar Einschränkungen hinsichtlich der Musik ist »The Trial« eine eigenständige Auslegung der Literaturvorlage. Philip Glass‘ »The Trial« ist eine packende Opernproduktion, die vor allem von den Sängern lebt.

 

27. November 2015, Wolfram Quellmalz

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