Royaler Händel zum Abschluß des diesjährigen Orgelzyklus’ in der Dresdner Kreuzkirche

Zwischen Februar und Dezember gehören (mindestens) die Mittwochabende der Dresdner Orgelfreunde dem zwischen Kreuzkirche, Hofkirche (Kathedrale) und Frauenkirche alternierenden Orgelzyklus. Die drei hauptamtlichen Organisten Holger Gehring, Johannes Trümpler und Samuel Kummer spielen selbst, laden aber auch Gäste aus aller Welt ein – hörende gleichermaßen wie spielende. Immer mit dem ersten Mittwoch im Dezember findet die Reihe ihren Jahresabschluß in der Kreuzkirche, dann jeweils um den Klang von Blechbläsern oder des Barockorchesters der Kreuzkirche erweitert.

Dieses Mal standen die berühmten Orgelkonzerte Georg Friedrich Händels im Mittelpunkt. Holger Gehring hat vier der sechzehn Stücke mit dem vor einigen Jahren von ihm gegründeten Barockorchester der Kreuzkirche aufgenommen – Vorteil der Besucher: wer die Option eines Kombitickets wählte, bekam die neue CD zum Konzert gleich dazu.

Man stelle sich vor: Was für uns zu den feierlichsten Orgelmusiken überhaupt zählt, war von Händel als Pausenfüller zwischen den Teilen seiner Oratorien gedacht! Allerdings haben sich die Werke schon zu Lebzeiten des Komponisten größter Beliebtheit erfreut, wurden schon damals mehrfach verlegt und aufgeführt. Für die Aufnahme hat Holger Gehring den Versuch unternommen, die Werke so zu rekonstruieren, wie sie im 18. Jahrhundert erklungen sein könnten. Das betrifft einerseits die damals üblichen Tempi und Verzierungen, andererseits hatte Händel ganze Sätze gar nicht ausgeschrieben, sondern nur eine Satzbezeichnung für die Orgel (zum Beispiel »Sarabande«) notiert. Holger Gehring ging in seiner Konzerteinführung auf die zeitgenössische Praxis ein und führte auch einige der »Schnörkel« vor – vom C mit Triller aufwärts, abwärts, Girlande darum herum etc. (Eine ausführliche Rezension der Aufnahme gibt es in den nächsten Tagen auf dieser Seite. Dann erfahren Sie auch mehr zur Rekonstruktion der Werke.)

Den musikalischen Auftakt des Abends bildete die (ebenfalls auf der CD enthaltene) Ouvertüre zum Oratorium »Deborah« von 1733. (Die Praxis, Orgelkonzerte zwischen den Oratorienteilen zu spielen, führte Händel 1735 ein, also auch für Aufführungen von »Deborah« in dieser Zeit.)

Von den Orgelwerken hat Holger Gehring die Nummern 5 und 2 (in dieser Reihenfolge) aus Opus 4 sowie Nr. 5 und 3 aus Opus 7 ausgewählt. Im Charakter folgten also ein heiteres B-Dur-Werk auf ein ruhiges, gemäßigtes (F-Dur), woran sich ein majestätisches (g-Moll) und wiederum ein heiteres (erneut B-Dur) anschlossen. Die Attribute des großartigen und feierlichen erfüllten sie letztlich alle, wobei das abschließende »Hallelujah-Concerto« mit dem Zitat aus dem »Messias«-Chor sicherlich das feierlichste der vier ist. Silbrig glänzend, erklang das Allegro aus dem F-Dur-Konzert, welches mehrfach – ebenso wie das abschließende op. 7 Nr. 3 – durch den gesungenen Ton der Oboen bereichert wurde.

Bezüglich Tempi und Rhythmik hatten sich die Musiker offenbar besonders mit den Werken auseinandergesetzt, so erklangen die aus Tänzen abgeleiteten Sätze allesamt beschwingt tänzerisch, andererseits suchte Holger Gehring mit einer Zurücknahme des Klangs, gerade bei Repetitionen oder Wiederholungen, die Feinheit in der Betonung, sein Barockorchester um Konzertmeisterin Anne Schumann führte aber auch Händel als Concerto-Grosso-Meister vor. Matt schimmernd statt grell strahlend waren die Werke daher nicht nur durch den Einsatz von alten Instrumenten und Darmsaiten.

Neben der im Mittelpunkt stehenden kleinen Wegscheider-Orgel (die Theaterorgel Georg Friedrich Händels dürfte in Größe und prinzipiellem Aufbau ähnlich gewesen sein) war Sebastian Knebel am Cembalo ein kongenialer Duopartner, der nicht für Überleitungen sorgte und die Basso-continuo-Funktion übernahm, sondern ebenso rhythmische Betonungen und Girlandenverzierungen schuf.

Als Zugabe und Hörprobe gab es noch einmal das Andante larghetto, e staccato – Adagio aus Opus 7 Nr. 5. Dieses greift Johann Sebastian Bachs berühmtes Air-Thema auf, variiert es – hier ließen sich unter anderem die eingangs im Vortrag erklärten Verzierungsformen sozusagen exemplarisch nachvollziehen – schreitet von Plateau zu Plateau voran. Bachs Architektur und Händels Feierlichkeit verleihen dem Satz Würde und Pracht – zu erleben im Konzert, nachzuhören auf der CD.

3. Dezember 2015, Wolfram Quellmalz

Neue CD: »Concerti«, Georg Friedrich Händel, Orgelkonzerte, Ouvertüre zu »Deborah«, Kreuzorganist Holger Gehring und das Barockorchester der Kreuzkirche, erschienen bei Querstand / Verlagsgruppe Kamprad

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