CD-Neuerscheinung: Georg Friedrich Händels Orgelkonzerte

Mit dem Abschluß des Dresdner Orgelzyklus‘ (die Konzertrezension finden Sie hier: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2015/12/03/royaler-handel-zum-abschlus-des-diesjahrigen-orgelzyklus-in-der-dresdner-kreuzkirche/) im Dezember präsentierte Kreuzorganist Holger Gehring das Programm seiner neuen CD-Einspielung beim Label Querstand. Darauf enthalten sind die vier Orgelkonzerte Opus 4 Nr. 5 (HWV 293) und Nr. 2 (HWV 290) sowie Nr. 5 (HWV 310) und 3 (HWV 308) aus Opus 7, außerdem die Ouvertüre des Oratoriums »Deborah« (HWV 51).

Vorausgegangen war der CD eine intensive Auseinandersetzung mit den Konzerten. Georg Friedrich Händel war ein glänzender Organist und Improvisator und hat manche Sätze nur mit »ad libitum« für Orgel angegeben, aber nicht in Noten oder Tabulatur gesetzt. Holger Gehring hat versucht, diese Lücken zu schließen und dafür Sätze aus anderen Werken Händels verwendet. Meist greift er auf solche zurück, die bereits für Tasteninstrumente geschrieben worden waren, für das »Hallelujah concerto« Opus 7 Nr. 3 allerdings hat er die berühmte Arie »Lascia ch’io pianga« aus der Oper »Rinaldo« aufgegriffen.

Neben dem Hinzufügen der sonst oft fehlenden Sätze hat sich der Kreuzorganist mit zwei weiteren aufführungspraktischen Dingen befaßt: Tempi und Verzierungen. Holger Gehring und sein Barockorchester haben sich darum bemüht, möglichst nah an Händels Intention zu kommen, ohne eine »verstaubte Museumsplatte« einzuspielen. Dafür wurden verschiedenes Notenmaterial und sogar historische Aufzeichnungen auf Orgelwalzen (eine davon hatte Händels einstiger Sekretär noch angefertigt) einbezogen und Tempi sowie Verzierungen entsprechend gestaltet. Dabei stellte Holger Gehring fest, daß manches deutlich von dem abweicht, was wir heute kennen oder gewöhnt sind. Im allgemeinen konstatiert er, daß schnelle Sätze oft noch schneller und langsame langsamer gespielt wurden.

VERGLEICH MIT ANDEREN AUFNAHMEN

Von Händels Orgelkonzerten gibt es zahlreiche Einspielungen. Statt sich zu fragen, ob es da noch einer weiteren bedurfte, kann man den Vorteil dieser Situation nutzen und vergleichen. Karl Richter zum Beispiel hat 1959 mit seinem Kammerorchester alle Orgelkonzerte Händels aufgenommen (eben wieder neu erschienen bei NAXOS), Johannes Ernst Köhler mit der Staatskapelle Weimar 1975 ebenfalls, neue Aufnahmen stammen von Christian Schmitt und dem Stuttgarter Kammerorchester (2004) oder Richard Egarr / Academy of Ancient Music (2009). Und da man in Händels Orgelkonzerten ohne Pedal auskommt, haben auch Pianisten die Werke für sich entdeckt. Ragna Schirmer und Matthias Kirschnereit spielten sie beide 2013 ein.

Auch unter den älteren Aufnahmen gibt es Rekonstruktionsversuche, so haben sowohl Christian Schmitt als auch Richard Egarr und auch schon Karl Richter jeweils einen langsamen Satz an die zweite Stelle von Opus 7 Nr. 3 gesetzt. Und mancher, wie Christian Schmitt, orientiert sich auch schon an den gleichen Quellen wie Holger Gehring. Nicht zu vergessen ist aber selbstverständlich, daß es sich nur bei den wenigstens Aufnahmen um Tonstudioproduktionen handelt. Holger Gehring und sein Barockorchester haben auch für diesen Zweck die Kreuzkirche gewählt, als Instrument stand eine kleine (liegende) Wegscheider-Orgel zur Verfügung, die in Größe und Bauart der Theaterorgel Händels nahekommen sollte. Bei Karl Richter wurde dagegen offenbar eine große Kirchenorgel verwendet, die entsprechend weiter entfernt klingt. So oder so sind sämtliche Aufnahmen durch Instrumente und Orte stark geprägt und individuell sehr verschieden.

Dennoch läßt sich feststellen, daß die neueren Aufnahmen tendenziell »flotter« sind, während Karl Richters Tempi meistens sehr viel getragener scheinen. Aber auch das läßt sich nicht generalisieren. Im Andante allegro aus Opus 7 Nr. 3 liegt er zeitlich (4:54) zwischen Holger Gehring (4:33) und Christian Schmitt (5:25) sowie Richard Egarr (5:32). Ragna Schirmer benötigt für den gleichen Satz auf dem Hammerflügel 4:52. Während die älteren Aufnahmen (Richter / Köhler) deutlich mehr Klangfülle haben und romantischer geprägt sind, stehen die jüngeren einem kammermusikalischen oder Ensemblecharakter sehr viel näher. Doch auch wenn Schmitt und Gehring in manchem ähnliche Ansätze zu verfolgen scheinen, unterscheiden sie sich im Ergebnis doch deutlich. Während bei Schmidt und dem Stuttgarter Kammerorchester (Leitung: Jonathan Nott) die Bläsersolisten deutlicher herausstechen und die Orgel viel »kleiner« und teilweise nach der »Flötenuhr« klingt, ist Holger Gehrings Instrument deutlich prominenter in Szene gesetzt. Auch in der Stimmung weichen beide Aufnahmen voneinander ab: während Schmitt und die Stuttgarter höher, also heller und offener klingen, fällt bei Holger Gehring und seinem Barockorchester der »historischere« und gediegene Klang auf.

DIE NEUE AUFNAHME

Schon beim Blick auf die CD-Rückseite fällt die Satzfolge auf, denn so umfassend um fehlende Teile erweitert ist keine der oben genannten und auch kaum eine andere Aufnahme. Jedes der Konzerte beginnt – wie von Händel gewünscht – mit einem »Voluntary« für Orgel Solo. Und schon hier hat der Kreuzorganist ein gutes Händchen bewiesen. Wie im Konzert Opus 4 Nr. 2 paßt sich ein gediegenes Andante – Adagio in den feierlichen Werkcharakter ein, so daß die Überleitung zum A tempo ordinario harmonisch und ohne Bruch, sozusagen »organisch«, klingt. Ähnliches läßt sich über die anderen Solosätze sagen, die darüber hinaus auch zur gelungenen Dramaturgie (die Konzertfolge ist nicht chronologisch, sondern greift die Stimmung auf und steigert diese in Stufen) beitragen.

Das begleitende Barockorchester ist von erster Güte und folgt der Idee einer gediegenen Klangentfaltung. So entwickeln die Stücke den Glanz und die Pracht, die schon Händels Zeitgenossen beindruckt haben, sind aber in den Stimmen auch wunderbar durchhörbar, so daß man verfolgen kann, was Streicher, Cembalo oder Oboen beitragen – ein Plus auch beim wiederholten Hören.

Nicht zu vergessen ist neben der technisch hochwertigen Aufnahme auch eine entsprechende Hülle. In Material (Kartonage) und Aufmachung (Canalettos »Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke« dient als Titelbild) ist die Verpackung ansprechend gestaltet, das deutsch und englisch verfaßte Beiheft gib über die Werke und die Rekonstruktion Auskunft.

FAZIT

Eine gelungene Aufnahme und eine gute Geschenkempfehlung für den Gabentisch. Keine Angst – falls der Beschenkte bereits eine Aufnahme mit Händels Orgelkonzerten besitzt, sie wird bestimmt (ganz) anders klingen als diese.

8. Dezember 2015, Wolfram Quellmalz

Neue CD: »Concerti«, Georg Friedrich Händel, Orgelkonzerte, Ouvertüre zu »Deborah«, Kreuzorganist Holger Gehring und das Barockorchester der Kreuzkirche, erschienen bei Querstand / Verlagsgruppe Kamprad

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s