Ein gutes neues Jahr…

Collegium Vocale 1704 und Collegium 1704 mit weltlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs am Neujahrstag in der Annenkirche Dresden

Das Schaffen Johann Sebastian Bachs beeindruckt sowohl hinsichtlich seiner Qualität und der in den Werken verankerten Tiefe wie auch in seinem schieren Ausmaß. Führte man alle Werke des Thomaskantors auf, bräuchte man dafür ein gewaltiges Pensum an Jahren – man kommt nicht umhin zu staunen, wie er dies alles zu erdenken und aufzuschreiben vermochte. Daraus folgt aber auch, daß es immer wieder Gelegenheit gibt, Werke neu zu entdecken und zu hören. Und: Das »Parodieverfahren«, jene Praxis, bereits einmal verwendete Werke in neuem Zusammenhang zu verwerten, heute vorschnell und leichtfertig oft mit Plagiaten verglichen, beruht(e) eben gerade nicht auf Ideenlosigkeit und »Räuberei«, sondern schlicht auf dem Bestreben, einmalige Ideen nicht nur einmalig aufzuführen, sondern sie zu erhalten, zeug(t)en aber auch von der Wertschätzung des aufgegriffenen Zitats.

Für Johann Sebastian Bach galt besonders das Bestreben nach dem Erhalt einer Idee, ein positiver Verwertungsgedanke. Und so überrascht heute die Kantate »Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!« (BWV 214) ihre Hörer – dabei ist diese Kantate das Original, während es sich beim Weihnachtsoratorium BWV 248 um die Parodie handelt.

Zuvor war in der Annenkirche jedoch bereits eine andere Kantate (auch eine »Zweitverwertung«), »Auf, schmetternde Töne der muntern Trompeten« (BWV 207a), erklungen. Alle beide Werke übrigens huldigen dem Sächsischen Hof: BWV 207a dem König, BWV 214 der Königin. Und so bezog sich der Text immer wieder auf ein blühendes, wachsendes Sachsen und Polen, zeugte von Licht, und vieles davon, mit Ausnahme des tönenden Waffenklangs, kann man dem Land auch heute noch wünschen.

Festlich, prächtig hat Bach die huldigenden Werke geschrieben, mit instrumentalem Jubel spielte sie das Collegium 1704 (Konzertmeisterin: Helena Zemanová) unter der Leitung von Václav Luks, steigerte in der Annenkirche gleich mit dem Einzugsmarsch die Feiertagsstimmung. Das Collegium Vocale 1704 hat schon oft seine Qualitäten bewiesen, doch ist es immer wieder frappierend zu erleben, wie es dieses klangliche Leuchten erreicht – schmetternder Jubel, der seine Angemessenheit nie verliert, weder zu grell strahlt noch zu siegreich-martialisch wird. Aus diesem edlen Sängerkreis traten auch wieder die Solisten hervor, die den Ensembleklang erhielten, ihre Rollen aber dennoch charakteristisch färbten. Natalia Rubiś-Krzeszowiaks (Sopran) war die strahlende Verkünderin von Sieg und Glück, während Altistin Kamila Mazalová auch samtweich eine musische Gedankenschwere und Versonnenheit verinnerlichte. Wohlgemerkt gilt diese Unterscheidung den Stimmcharakteren, nicht der »Kraft«. Aber auch mit dem zuversichtlich jubelnden Tenor Václav Čížek und den famosen Bässen Jaromir Nosek und Lisandro Abadie bewies das Collegium Vocale wieder einmal seine fundamentale Qualität.

Gleichermaßen überzeugend waren die Instrumentalisten, allen voran die Solisten, die in den Arien (oft ohne Streicher) begleiteten. Györgyi Farkas vervollkommnete das Duett von Sopran und Baß (BWV 207a) betörend sinnlich, während die drei Oboen (Petra Ambrosi, Michael Bosch, Tereza Samsonová) immer wieder für Orchestralen Jubel sorgten. Prachtvoll erklang aber auch das kurze »Ritornello« mit Fagott und Blechbläsern (Hans-Martin Rux, Astrid Brachtendorf, Josef Sadílek). Mit am beeindruckendsten waren die Traversflöten (Lucie Dušková, Michaela Ambrosi), die sich – ebenso wie Kamila Mazalová, mit der sie gemeinsame Soli hatten – mit ganz unterschiedlichem Timbre präsentierten. Während sie in »Preiset, späte Folgezeiten« ein gediegenes Trio in seidigem Glanz bildeten, stimmten sie zum Beispiel in den Schlußchören mit unvermitteltem Strahlen ein. Aber wie der Chor hat auch das Orchester eine Basis – auch der Basso continuo ist nicht nur dumpfer Begleitrhythmus, sondern eine wichtige, tragende Singstimme. So wurden auch die Gefahren von Sturm, Blitz, trüben Wolken und düsterem Wetter (BWV 214) kurz und sinnbildlich beschrieben – als Ereignisse, die nicht schrecken, denen man trotzt.

Derart beflügelt verließen die Besucher die Annenkirche, traten hinaus ins neue Jahr – es ist vielversprechend. Es verspricht schon am 19. Februar das nächste Konzert der beiden Collegia.

2. Januar 2016, Wolfram Quellmalz

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