Gewohnte und gewagte Bearbeitungen zum 3. Kammerabend

Staatskapellenkünstler mit romantischen Duos

Während das Orchester mit dem Ausnahmepianisten Rudolf Buchbinder gerade in Düsseldorf Station machte, veranstaltete der Tonkünstlerverein der Staatskapelle am Donnerstag den 3. Kammerabend der aktuellen Spielzeit in der Semperoper. Für vier Werke aus dem Kanon der romantischen Duos hatten sich Sabine Kittel (Flöte) und Sebastian Herberg (Viola) als Gast Paul Rivinius (Klavier) eingeladen, der in allen aufgeführten Werken die Partnerrolle und – der Begriff »Begleiter« würde ihm nicht gerecht – die zweite Stimme spielte. Die jeweils erste übernahmen die beiden Kapellmusiker, wobei sie keines der Stücke im Original darboten. Während Johannes Brahms seine Klarinettensonate op. 120 Nr. 2 schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auch für Viola herausgab (und somit einen größeren Musikerkreis ansprach) und Robert Schumanns »Drei Romanzen« op. 94 seit jeher in verschiedenen Besetzungen gespielt werden, erschien César Francks A-Dur-Sonate (eigentlich für Violine) auf der Flöte ebenso wie Auszüge aus Franz Schuberts »Winterreise« für die Viola (bisher) doch recht unerhört – die Eindrücke waren recht unterschiedlich.

Sabine Kittel und Paul Rivinius eröffneten den Abend mit Schumanns Romanzen. Wer angesichts des weit geöffneten Klavierdeckels auf durch viel Lautstärke dargestellte exzessive Liebesbetörungen gefaßt war, wurde aufs angenehmste überrascht – die beiden Musiker verloren sich geradezu in leisesten und feinsten Phrasierungen. Nicht ein zu lauter Ton war zu vernehmen, weit entfernt blieb die Flöte von der Schärfe, die sie erzeugen kann. Sabine Kittel und Paul Rivinius befanden sich in wunderbarem Einklang, hatten Einsätze und Übergänge deckungsgleich aufeinander abgestimmt, aber auch zu einem gemeinsamen Duktus gefunden. Gerade in der Zurücknahme an Lautstärke und Tempo trafen sie das romantische Verlorensein mit zarten Gesten und in feinsten Abstufungen – selbst eine Verfeinerung in der Wiederholung war da noch möglich.

Von diesem vertieften Zusammenspiel profitierte auch Francks Sonate. Auch hier behielten beide ihr leises und beruhigtes Spiel bei. Daß Sabine Kittel dem Werk das Ausufern – wozu es verleiten kann – nahm, war ein musikalischer Gewinn, ebenso wirkte die helle Flötenstimme nicht fremd, paßte zum Charakter der Sonate. Nur an Kleinigkeiten – ein Flötist muß zum Atemholen absetzen, wo die Violine durchgängig spielt – war zu erkennen, daß es sich nicht um eine Originalbesetzung handelt.

Deutlich fremder war da die Bearbeitung von acht Werken aus Schuberts »Winterreise« für Viola. Mit reichem Vibrato versuchte Sebastian Herberg zwar, diesen Stücken Leben einzuhauchen, doch blieb er damit deutlich vom Liedgesang entfernt, was jedoch nicht seinem Vermögen, sondern der Bearbeitung bzw. der Idee (dem Wagnis) anzurechnen ist. Zu stark reflektiert bei Schubert der Text (den die meisten Zuhörer sicher auch im Kopf hatten) mit der Musik, zu stark zielte Schubert auf die Gedankenwelt, so daß sich, da man sie nicht ausblenden kann, der Eindruck des nicht stimmigen einstellte. Obwohl Sebastian Herberg dem Stimmverlauf folgte und ihn charakteristisch färbte, erreichte er die Variabilität und Differenzierung des gesungenen Textes nicht, fehlte auch die dramaturgische Spannung. So schienen die in allen Strophen gespielten Stücke mitunter aber auch recht lang.

Brahms‘ den Abend beschließende Sonate gewährte da viel mehr Gesanglichkeit. Sebastian Herberg und Paul Rivinius spielten den zweiten Satz als Romanze, gaben dem dritten gutmütige Impulsivität. Hier zeigte sich aber auch deutlich, wie gut das Werk für die Viola paßt, deren Stimmlage Brahms sehr gut verstand. Es war eben mehr als eine notgedrungene oder dem Verleger entgegenkommende Besetzungsvariante.

15. Januar 2016, Wolfram Quellmalz

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