Nathan der Weise

Neuinszenierung am Staatsschauspiel Dresden

Gotthold Ephraim Lessings »Nathan der Weise« ist nicht nur ein Klassiker der Theaterliteratur, sondern fokussiert auch ein Thema von immer wieder brennender Aktualität, die sich nicht erst in unseren Tagen erneut ergeben hat, sondern seit der Erstveröffentlichung vor über 230 Jahren fortwährend besteht. Auch Regisseur Wolfgang Engel begreift die Aktualität von »Nathan« offenbar nicht als (wieder) neu und hat in seiner Inszenierung auf eine Bezugnahme zu aktuellen Ereignissen verzichtet, jedoch ebenso auf eine dezidiert andere zeitgeschichtliche Zuordnung – er läßt Lessing Werk in Sprache und Inhalt bestehen und erreicht dies bestaunenswerterweise, ohne belehrend zu werden.

DAS STÜCK

Nathan, ein jüdischer Kaufmann, kehrt erfolgreich von einer Handelsreise zurück und erfährt, daß in der Zwischenzeit sein Haus brannte. Ein junger Tempelherr rettete jedoch seine Tochter Recha und wendete schlimmeres ab – der Schaden ist verschmerzbar. Der Tempelherr – eben erst vom Sultan Saladin begnadigt – weigert sich aber, das Haus des Juden zu betreten (um Dank zu erhalten). Schließlich läßt er sich von Nathan aber doch dazu überreden – er verliebt sich in Recha.

Von Nathans Schwester erfährt der Tempelherr, daß Recha nicht die leibliche Tochter Nathans, sondern ein angenommenes Christenkind ist. Er erklärt den Fall – anonym – dem Patriarchen von Jerusalem, der unerbittlich »Der Jude wird verbrannt!« ruft. Derweil hat Saladin Nathan in einem Gespräch die Frage gestellt, welche der drei Religionen nun die rechte sei – Nathan antwortet ihm mit dem Gleichnis der Ringparabel.

Der Konflikt um Nathans angenommene Tochter, aber auch zwischen den Religionen, scheint unlösbar – jedoch nicht das individuelle Schicksal: Wie sich herausstellt, sind Recha und der Tempelherr Geschwister. Nur ihre Mutter war Christin, der Vater dagegen ein Moslem – Saladins verstorbener Bruder.

DIE DRESDNER INSZENIERUNG

Die übergroßen Religionssymbole aus Holk Freytags Vorgängerinszenierung sind von der Bühne verschwunden und zieren nur noch – in angemessenem Format – das Programmheft. Auf sämtliche Symbolik, Blendwerk und optische Effekte verzichtet Wolfgang Engel. Dafür läßt er das Stück in einem Raum wie auf einer Probebühne ablaufen – die Schauspieler in nur leicht angedeuteter Kostümierung, fast Alltagskleidung, die keine Klischees bedient, nur individuell unterscheidet (Kostüme: Nina Reichmann); vier große Tische, Stühle, Licht (Björn Gerum). Keine Kulissen, keine Fenster, Türen oder Säulen (Bühne: Ansgar Prüwer-LeMieux). Allein mit Tischen und Stühlen werden die Orte des Geschehens dargestellt – die Bühne des Kleinen Hauses ist dafür perfekt. Die Schauspieler sitzen (immer anwesend) auf einer Bank im Hintergrund, treten von dort auf, wenn sie eine Szene haben, derweil die anderen passiv zusehen oder auch einmal aktiv, wenn sie (im Sinne des Stückes) Zuschauer darstellen.

Gemeinsam räumen sie um, schaffen die Wandel, entwickeln das Stück. Dazu gibt es jeweils trashige Musik (Jan Maihorn) – und das paßt diesmal. Im Grunde ist nichts neu, weder das Stück noch die Alltagskleidung, nicht die auf der Bühne (oder sichtbar in deren Nähe) wartenden Akteure, erst recht nicht die Musik. Oft, zu oft hat man das schon erlebt, auch am Dresdner Staatstheater, und sich über Effektemacherei aufgeregt, wenn diese wieder ein Stück überstrahlte, einen »Klassiker« gar. Doch hier ist es auf einmal stimmig – ja es paßt, weil Engel nicht aufrütteln will, nicht imponieren, nicht simplifizieren oder brüskieren. Statt dessen bleibt der Regisseur beim Text, schafft Bezüge, verliert sich nicht in nebensächlichem Einerlei oder schmückendem Tand. Und er hat Schauspieler gefunden, ausgewählt, hat ihnen eine Persönlichkeit eingepflanzt, die glaubhaft, fehlbar, wahrhaftig scheint – toll! Selbst Sätze wie der des Patriarchen (Lars Jung) »Denn ist nicht alles, was man Kindern tut Gewalt? (…) ausgenommen, was die Kirch‘ an Kindern tut.«, die dazu verleiten könnten, aktuellen Bezug zu schaffen und mit Polemik zu unterstreichen, dem Publikum ein hämisches Grinsen zu entlocken, Spott – nichts davon. Diese Inszenierung beeindruckt damit, daß sie das Stück fließt, ohne Schockmomente auskommt, auf den Text vertraut (und auf die Auffassungsgabe des Publikums).

In jenem Publikum saßen übrigens nicht nur viele Schüler, sondern auch ausländische Gäste, die den Montagstreffpunkt des kleinen Hauses genutzt hatten. Dazu gibt es für das Stück englische und arabische Übertitel – das kommt unterschiedlich an, eine Nachhaltigkeit läßt sich heute noch nicht bewerten, doch ist es auch nicht Sache des Theaters, auf Verwertung ausgerichtet zu sein. Anreize schaffen dagegen schon, und auch das gelingt hier, Anknüpfungspunkte finden, Nähe – auch ganz praktisch.

Philipp Lux spielt einen weisen Nathan, ohne ihn selbstgefällig oder unfehlbar schweben zu lassen. Er zweifelt auch, taktiert gar – Lessing hat ihm geistvollen Witz und Schlagfertigkeit gegeben, auch Menschenkenntnis. Nathan ist kein »Volksbelehrer«, gerade in der Kenntnis um seine Grenzen und Fehlbarkeit liegt seine Weisheit. Kilian Land als Tempelherr verkörpert nicht den Archetypus eines Christen, sondern ein Individuelles Menschenschicksal: verhaftet, zum Tode verurteilt, begnadigt – gerade weil er (zu) viel erlebte, was er nicht einordnen konnte, ist ihm das Regelwerk seines Ordens kein sicherer Halt mehr. Der Tempelherr zweifelt nicht nur am Glauben, er erlebt eine wahre Identitätskrise. Auffahrend, aufbrausend, schroff, cholerisch fast, aber auch mit einem unbedingten Willen nach Wahrheit und Gerechtigkeit gibt Kilian Land nicht den zornigen Rächer, eher den zornigen Zweifler. Und noch ein Zweifler: Sultan Saladin (Matthias Reichwald). Hinter der Maske des aalglatten Machtmenschen verbirgt sich ein anderer. Er weiß um seine Schwächen, sucht Verbündete, spürt die Last seines politischen Amtes. Seine Schwester (Nele Rosetz) versucht, die Fäden zu ziehen, im Hintergrund zu agieren, Macht auszuüben – es ist alles ein Spiel, ein Spiel um Macht. Doch letztlich hat niemand einen absoluten Anspruch auf Wahrheit, Recht und Macht, sind alle darauf angewiesen, sich zu arrangieren, den anderen gelten zu lassen. Selbst beim wortgewaltigen Patriarchen fällt das Richtmaß allzuschnell, was zeigt – niemand ist sich der eigenen Sache zu sicher.

Manchmal liegen die großen Lösungen eben in den Feinheiten, den Nebensächlichkeiten, dem Lapidaren. Und manchmal findet sich die Lösung des großen Problems direkt vor der Nase, schon seit Ewigkeiten liegt sie da, unbeachtet, wie jenes Brevier, das man benutzt hat, einen kippelnden Tisch zu stabilisieren, dabei enthält es die gesamte Lebensgeschichte einer sich über alle drei Weltreligionen erstreckenden Familie.

»Nathan der Weise« kann in Dresden wieder als Klassiker entdeckt werden. Ganz ohne Schaubudenzauber – unbedingt sehenswert!

22. Januar 2016, Wolfram Quellmalz

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