Mit Beethoven’schem Furor

Omer Meir Wellber und Nelson Freire im Gewandhaus

Für das Große Concert des Gewandhausorchesters hatten die Programmgestalter Klammern gefunden, welche die Werke paarweise verbanden. So waren Beethovens Schauspielmusiken ein wesentlicher Impuls für Mendelssohns Konzertouvertüren gewesen, und Richard Strauss‘ Bläserserenade op. 7 wurde im selben Jahr uraufgeführt, in dem (vermutlich) auch Franz Schuberts dritte Sinfonie erstmals vollständig in einem Konzert erklang. Ungeachtet von Zusammenhängen in den Lebensläufen der Komponisten und Werke war es ein – sowohl im Umfang wie im Gehalt – Großes Concert mit stark unterschiedlichen Klangbildern und mancher Seelenverwandtschaft, etwa durch gewählte oder unterstellte Sagenbilder.

Felix Mendelssohn Bartholdy hatte für das Melusinenmärchen eine Ouvertüre geschrieben, da ihm jene zu Conradin Kreutzers (auf Basis der Dichtung Franz Grillpatzers geschriebene) Oper nicht gefiel, dabei aber von assoziativen Deutungen und Interpretationen Abstand genommen. Omer Meir Wellber und das Gewandhausorchester stellten die Frage nach der Deutung nicht, sondern ließen mit Mozartischer Leichtigkeit träumerische Meereslandschaften und forschen Ritterwillen (Pardon!) erblühen. Flink, huschend und in betörenden Farben gelang diese Ouvertüre.

In Beethovens viertem Klavierkonzert interpretieren manche ebenfalls Märchenstoff. Der Solist Nelson Freire und das Gewandhausorchester tändelten jedoch nicht in Sphären und geheimnisvollen Zwischenräumen, sondern arbeiteten vor allem klare, eindeutige Akzente heraus. Aus dem Gegenüber der beiden Partner ließen sie mit der Erlösung im zweiten Satz ein ganzes erstehen. Nach der vom brasilianischen Pianisten sanft fließend gestalteten Einleitung überwog dabei Wellbers energischer Zugriff, dem Freire zunächst eine wasserklare Träumerei gegenüberstellte. Im zweiten Satz wechselten Melancholie und düsterer Aplomb, bis es – mit der »Erlösung« – zur Glättung der Wogen kommt. Mit Freude, fast Jubel, kehrten sie in den dritten Satz, den Freire mit eleganten Läufen auflockerte, jedoch prägte Wellber das Werk mit hurtigem Tempo – im Sturm. Vom manchmal unterstellten Orpheus blieb da nur ein Gedanke, insofern überraschte die Zugabe des Pianisten, Glucks »Orpheus«, doch ein wenig.

Nach der Pause dann Strauss‘ Serenade, sozusagen als den zweiten Teil einleitende Ouvertüre. Als Baßinstrument hatte Wellber das Kontrafagott statt der Baßtuba gewählt, die ihm vielleicht zu mächtig für seine flinke Gangart schien oder weil er den grummelnden, schnarrenden Ton zur Untermalung schätzte. Doch unabhängig davon, welche der beiden Optionen nun die bessere gewesen wäre, setzten Dirigent und Musiker auf Präzision, Balance und harmonischen Ausgleich.

Dann hieß es noch einmal umbauen, denn nach dem Aufstellen und Wegfahren des Konzertflügels mußte nun wieder die Sinfonieorchesterordnung hergestellt werden. Wohl nicht aus Ungeduld, sondern aus der Begeisterung und dem Drang heraus begann der Dirigent Schuberts dritte Sinfonie noch in den Zuschauerapplaus hinein, der eben noch das Orchester begrüßte – das kennt man schon von Wellber – um anschließend den Wiener Klassiker in wahrhaft Beethoven’schem Sturm zu nehmen. Immerhin: in Allegretto und Menuetto, besonders dem Trio ließ Omer Meir Wellber Raum, also Zeit, für Hintersinn, Witz, das Metrum zu necken scheinende Verzögerungen. Gerade im Trio führte er vor, wie sich mit Ruhe die Gediegenheit der Musik entwickeln läßt. Das abschließende Presto stürzte er danach wieder in einen Rausch (schade!). Huschend ging der vierte Satz vorüber, aber auch ohne Brüche, dafür mit einem geradezu tänzerischen Dirigat, also wollte Wellber die zweiten Violinen zum Walzer auffordern. Das Publikum war begeistert.

14. Februar 2016, Wolfram Quellmalz

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