Passionskonzert mit dem Collegium 1704 in der Annenkirche

Hört man den Namen Scarlatti, denken die meisten vermutlich an den Sohn Alessandro, da dieser durch seine Cembalosonaten auch heute noch im Konzertleben geläufig ist. Ganz anders dagegen sein Bruder Pietro Filippo, dessen Kantaten und Toccaten es noch zu entdecken gilt. Der Vater der beiden, Alessandro, hat ein reiches Œuvre hinterlassen, zu dem Opernwerke ebenso zählen wie Passionen, Kantaten und Konzerte. Seine Vertonung der Johannespassion stand auf dem Programm des Konzertes am Freitagabend in der Annenkirche.

Nur mit Streichern sowie Orgel und Cembalo für den Basso continuo (im flinken Wechsel: Pablo Kornfeld) und dem Chor des Collegium Vocale 1704 war Václav Luks angereist sowie mit sechs Solisten. Schon seit dem Beginn der »Musikbrücke« lebt die Tradition hier nicht nur in den Werken und deren Herkunft fort, sondern auch in den Musikern, handelt es sich hier wie da doch nicht nur um Gäste aus dem (gar nicht so) fernen Prag, sondern um Musiker aus beiderlei Regionen, zu denen sich immer wieder auch andere, aus Italien beispielsweise, gesellen. Mittlerweile kann man aber auch immer häufiger Studenten erleben, die an der hiesigen Musikhochschule lernen oder lernten, sei es im Chor oder auch, wie jetzt, unter den Solisten.

Scarlattis Johannespassion folgt zwar dem bekannten Evangelium, unterscheidet sich jedoch in gesungenem Text (Latein) und musikalischer Anlage vom bekannteren BWV 245. So hat Scarlatti beispielsweise den Evangelisten für die Altstimme vorgesehen. Julia Böhme erfüllte diesen Part vortrefflich und großer Eindringlichkeit, führte mit klarer Diktion und berührend schöner Stimme über weite Teile das Werk. Und das ganz ohne »erhobenen Zeigefinger« oder Anstrengungen anderer Art. Auch im zweiten Teil des Abends übernahm sie mit gleicher Mühelosigkeit eine Solistenrolle. Aneta Petrasová war mit gleicher Stimmlage als Pilatus besetzt worden, dem sie mit Geschmeidigkeit einen sanften, (fast zu) liebevollen Charakter verlieh. Wieder einmal beeindruckte Tenor Václav Čižek, der einen berührenden, standfesten Christus verkörperte. Dabei verschmolzen die Solisten mit den beiden Collegia, wovon schon Scarlattis Werk, das vom Fluß lebt und wenig Pausen hat, profitierte. Immer wieder hat Scarlatti kleine Effekte in seine Musik eingebaut, traute der Empfindsamkeit seiner Hörer wohl zu, dies wahrzunehmen und verzichtete auf eine mehrteilige Struktur mit ausgeprägten Höhepunkten. Julia Böhme nutzte den dramaturgischen Spielraum, etwa wenn der krähende Hahn den Morgen verkündet oder das Volk die Freiheit für den Mörder Barrabas fordert.

Der zweite Teil des Abends gehörte erneut dem Klagegesang Mariens. Tommaso Traetta ist dem einen oder anderen vielleicht noch durch dessen Oper »Antigone« (bzw. »Antigona«) bekannt, die vor einigen Jahren am Mittelsächsischen Theater zu erleben war. Auch Traetta hat ein »Stabat Mater« vertont, das nun in der Annenkirche erklang. Isabel Jantschek, Julia Böhme, Václav Čižek und Jaromír Nosek boten ihren Gesang im engverwobenen Wechsel mit dem Chor und berührender Schönheit dar. Die beiden Collegia und die Solisten gingen ineinander auf, auch hier bereiteten sie fließende Übergänge und wunderbar verständliche Soli. Die beiden Collegia können leicht auf Extravaganzen verzichten, dafür kommt bei den Zuhörern mehr an, macht es Freude, auf Nuancen zu hören oder einzelnen Chor- und Orchesterstimmen nachzuhören.

Eigentlich hätte es zu einem Passionskonzert gar keinen Beifall gegeben, doch war dies wohl – aus guten Gründen – schlicht nicht möglich.

20. Februar 2016, Wolfram Quellmalz

Tip: schon morgen mittag elf Uhr überträgt der Norddeutsche Rundfunk (NDR Kultur) die Aufzeichnung eines Konzertes mit dem Collegium 1704 aus der Hamburger Laeiszhalle mit Werken Georg Philipp Telemanns (Kantate »Donna, che in ciel di tanta luce splendi«, »Utrechter Te Deum«) und Georg Friedrich Händels (»Donner-Ode«)

http://www.ndr.de/orchester_chor/das_alte_werk/Abokonzert-NDR-Das-Alte-Werk,luks100.html

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s