Der Kaiser von Atlantis

Viktor Ullmanns Kammeroper auf der Bühne von Semper 2

Gefahr, Bedrängnis und Bedrohung verarbeiten Menschen ganz unterschiedlich, nicht immer führt einen existentielle Sorge in eine lähmende Krise. Die schöpferische Verarbeitung kann sogar wesentlich zum Œuvres eines Künstlers beitragen. Auch der 1898 geborene Komponist, Pianist und Dirigent Viktor Ullmann hat in einer besonders beklemmenden Situation – während seiner Internierung im Theresienstädter Ghetto – einen großen Teil seiner Kompositionen verfaßt. Hier, wohin besonders viele Künstler gebracht worden waren, gab es vergleichsweise viele Versuche zu einer kulturellen Belebung. Von »blühend« zu sprechen verbietet sich dabei in Anbetracht des Zusammenhangs. Vielmehr handelt es sich um verschiedene Wege innerer Flucht, die Suche nach Licht, schöpferische Tätigkeit als Teil der Überlebensstrategie. Die Vorführung eines »reichen und blühenden« Lebens durch die Nazis war aber auch Propaganda – ein Hohn.

In den Jahren 1943 und 44 entstand in Theresienstadt auch Viktor Ullmanns Kammeroper »Der Kaiser von Atlantis« unter Mitwirkung des Dichters Peter Kien. Das Werk scheint unter Zeitdruck zu stehen, vielleicht ist es auch unter Zeitdruck entstanden, als sei es ein Mittel gewesen, am Leben festzuhalten, aber als hätte der Komponist auch eine Gefahr gespürt, es nicht vollenden zu können. Im Oktober 1944 wurde Viktor Ullmann gemeinsam mit anderen Künstlern, wie den Komponisten Pavel Haas und Hans Krása, nach Auschwitz deportiert und umgebracht.

STÜCK UND MUSIK

Harlekin und Tod treffen einander und klagen sich gegenseitig ihr Leid – über den Harlekin will niemand mehr lachen, der Tod hat keine »Schönheit« mehr, keine Autorität. Statt großer Auftritte auf den Schauplätzen des Krieges zu haben, eilt er nun den Mördern und ihren Maschinen hinterher. Da verkündet ein Ausrufer den vom Kaiser proklamierten »segensreichen Krieg aller gegen alle«. Der Tod ist verstimmt und verweigert seine Arbeit.

Die Menschen sterben nicht mehr. Weder die hingerichteten noch die in Schlachten verletzten. Sie ringen nicht mit dem Tod – sie ringen mit dem Leben. Der Kaiser verkündet – als sei die Dienstverweigerung des Todes seine Idee und Tat – daß er fortan den Menschen ewiges Leben schenke.

Ein Soldat und eine Soldatin, die sich auf dem Schlachtfeld treffen, verlieben sich ineinander. Sie wollen nicht mehr kämpfen, wie andere auch. Vergebens versucht der Ausrufer, den Kriegswillen neu anzufachen.

Dem Kaiser werden hingerichtete Menschen und gefallene Soldaten gemeldet, deren Tod erwartet wird – indes er tritt nicht ein. Der Kaiser ist dem Wahnsinn nahe, da tritt der Tod erneut auf und bietet Erlösung an. Einzige Bedingung: der Kaiser müsse das erste Opfer sein, dann könnten auch die anderen wieder sterben. Der Kaiser willigt ein…

Bedenkt man das Schicksal des Komponisten, scheint auch eine Rezeption des Werkes ohne die Berücksichtigung dieser Lebens- und Entstehungsgeschichte kaum möglich. Wie stark ist der Bezug der Autoren auf sich, auf ihre Situation? Was ist das sagenhafte Atlantis? Ein versunkenes Reich? Sinnbild für die Vergangenheit, Spiegel der Gegenwart oder reine Fiktion? Viktor Ullmann hat für »Der Kaiser von Atlantis« Zitate wie Haydns »Gott erhalte Franz den Kaiser« (bzw. das Deutschlandlied) und den Luther-Choral »Ein feste Burg« verwendet, aber auch eigene Themen verarbeitet. Auch durch die komprimierte Form der Entwicklung erreicht Ullmann eine ungeheure Dichte und Spannung. Während sich Kammeropern oder »Intermezzi« sonst in der Regel auf kleine Szenen oder Ausschnitte beschränken, haben Ullmann und Klien eine (auch zeitlich) längere Handlung mit der darin enthaltenen Personenentwicklung auf das Miniformat reduziert. Hierin, so verriet das Dresdner Team in der Nachbesprechung, lag auch eine wesentliche Herausforderung: den Wandel vom Krieg zum Verlieben (die Soldaten) oder der Einsicht des Kaisers nachvollziehbar zu gestalten, obwohl diese Entwicklung wie im Zeitraffer, praktisch per »Knopfdruck« passiert. Dazu kommt, daß das Stück näher an der Groteske angesiedelt ist als an Märchenwelt oder Realität.

Auch in seiner Musik hat Viktor Ullmann eine große Dichte erreicht, spricht die Sprache der Moderne (seiner Zeit), läßt sie aber auch von anderen Stilrichtungen durchdringen, Anklängen und eben Zitaten. Erstaunlich ist, welch große Ausdruckspalette er dabei umgesetzt hat und daß er dem Stück nicht einen grundsätzlich grellen, schneidenden oder anders negativ konnotierten Charakter aufgebürdet hat. Der Komponist arbeitet mit Motiven und Entwicklungen, hat aber auch ein liedhaft-lyrisches Liebesduett eingewoben. Musik und Text sind eng verknüpft, und so geben auch die Worte die Verzerrungen wieder, etwa wenn das Schlaflied »Schlaf, Kindlein, schlaf…« nicht in romantische Symbolik mündet, sondern mit »…ich bin ein Epitaph« zur Vergänglichkeit überleitet und Traum, erholsamen Schlaf und Tod verbindet. Das Werk erreicht eine große Vielschichtigkeit und spiegelt nicht das Dogma der Beklemmung oder der Repression wider – das Werk als Weltflucht?

»Der Kaiser von Atlantis« hat in der Theresienstädter Bibliothek überlebt, wurde aber erst viel später veröffentlicht. Die Uraufführung fand 1975 statt, 1989 gab es die erste Aufführung einer rekonstruierten Fassung.

DIE DRESDNER INSZENIERUNG

Regisseurin Christiane Lutz hat auf Kommentare und Erklärungen, etwa durch zusätzliche Texte, Doppelungen oder Projektionen, verzichtet. Um bei aller Knappheit die Entwicklung und das Verweilen möglichst gut nachzeichnen zu können, hatte sich das Aufführungsteam (musikalische Leitung: Johannes Wulff-Woesten) dafür entschieden, auf die »ad libitum« gekennzeichneten Wiederholungen nicht zu verzichten. Für das Bühnenbild hat Christian Andre Tabakoff Teile eines Kommandostandes, eines Beobachtungsturm und die Oberseite eines U-Bootes zusammengefügt. Doch dieses Atlantis ist keine versunkene, märchenhafte Unterwasserwelt, sondern eine öde, apokalyptische Wüste, aus deren Mitte das Boot hervorgebrochen ist, wovon noch Erdschollen ringsumher zeugen.

Zeitlich bleibt das Stück unbestimmt, scheint eher im Heute zu liegen als im Damals, auch die Kostüme (Natascha Maraval) suggerieren dies. Einzig der Harlekin fällt in Farben und Schnitt aus dem Rahmen, doch schon seine Halskrause wirkt verstaubt – eine Erinnerung an vergangene Zeiten.

In nur einer Stunde läuft das Stück ab, läßt Ullmann seine Melodien sprudeln – ja, tatsächlich, sprudeln. Seine Oper ist ein von Ideen und Melodien überquellendes Werk, das zwar hier und da grotesk verzerrt wird, irrlichtert und trunken scheint, doch Düsternis oder Tragik bestimmen seinen Charakter nicht allein. Einen Energiestrom aus Musik ließen Johannes Wulff-Woesten und das Projektorchester (mit vielen Studenten sowie Mitgliedern der Giuseppe Sinopoli Akademie) fließen. Punktgenau blitzten die Akkorde und Melodien, suggerierten Imagination und Szenen, gelangen aber auch die vielen schnellen Übergänge ohne musikalischen Bruch.

Sieben Charakterrollen braucht der »Kaiser«, wobei Harlekin (Aaron Pegram) und Tod (Tilmann Rönnebeck) sowie der Kaiser Overall (Sebastian Wartig) den prägendsten Eindruck hinterließen. Fernab ausgedehnter Arien oder Lieder mußten sie nicht zuletzt Schauspielerisch überzeugen, aber auch in einzelnen Zeilen Zweifel klanglich darstellen. Simeon Esper und Emily Dorn (die beiden Soldaten) hatten sich in ihre Rollen und einem Liebesduett mit Hingabe zu berühren vermocht (einen Augenblick strahlte dieses Atlantis wirklich schön!), während der Kaiser Overall ein »Macher« war, der zwischen Siegesgewißheit und Wahn wandelte. Sebastian Wartig stattete ihn auch psychologisch gerade deshalb glaubhaft aus, weil er dem Wandel vom Saulus zum Paulus die Glaubhaftigkeit verweigerte. Hatte dieser Kaiser wirklich klein beigegeben oder war es nur ein Schachzug, um Zeit zu gewinnen? Seine Aussicht auf die gesungen angekündigte »Wiederkehr« ließ Interpretierungsansätze offen. So hat der Tod am Ende zumindest die Oberhand, sitzt am längeren Hebel (Christiane Lutz hat im ein Queue gegeben), doch auch der Harlekin hat das eine oder andere Ass im Ärmel – Kaiser sein ist eben auch nicht alles. Letztlich geht es doch um eines: nicht gewinnen, sondern (über)leben.

26. Februar 2016, Wolfram Quellmalz

Viktor Ullmann »Der Kaiser von Atlantis«, Semperoper Dresden, Semper 2, weitere Vorstellungen: 28. Februar sowie 2., 3., 5. und 6. März

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