Die Demontage des Inselparadieses

William Shakespeares »Der Sturm«

Auch in diesem Jahr lädt das Staatsschauspiel Dresden drei Produktionen anderer Theater ein, die, durch die Kritik gelobt und manche mit Preisen gewürdigt, für jeweils zwei Abende im Großen Haus als Gastspielproduktionen zu erleben sind. Den Anfang macht an diesem Wochenende das Wiener Burgtheater mit dem Stück »Sturm«. Eigentlich »Der Sturm« (»The Tempest«), doch ist dieser in Barbara Freys Inszenierung nicht einfach »von« Shakespeare, sondern auch »nach«. Das eröffnet andere Perspektiven, überträgt, so wird aus dem Naturereignis mit Artikel auch ein artikelloser Zustand.

DAS STÜCK

Als das wahrscheinlich letzte Stück des englischen Dramatikers und Dichters entstand »Der Sturm« vermutlich 1611 auf Basis verschiedener, heute zum Teil nicht mehr bekannter Quellen.

Prospero, der Herzog von Mailand, übertrug einst seinem Bruder Antonio die Staatsgeschäfte, um seine Zeit den Wissenschaften und Künsten widmen zu können. Dies schlug insofern fehl, als daß er von seinem Bruder nicht nur aus seinem Amt, sondern auch aus dem Herzogtum vertrieben wurde. Mit seiner Tochter Miranda den Wellen überlassen, verschlug es ihn auf eine einsame Insel, auf der Prospero fortan lebt. Einziger Mitbewohner dort: Kaliban, ein mißgebildetes Halbwesen, Sohn der Hexe Sykorax. Ihn lehrt Prospero Sprache und Wissen, unterwirft ihn jedoch auch als Diener.

Nach zwölf Jahren ergibt es sich, daß Antonio gemeinsam mit Alfonso, dem König von Neapel, Prosperos ehemaligem Feind, dem er (Antonio) sich aber verbündet hat, sowie Alfonsos Sohn Ferdinand und ihrem Gefolge von der Hochzeit Alfonsos Tochter aus Tunis zurückkehren. Mit Hilfe der in seinen Studien erworbenen Zauberkräfte und der Geister, über die er Gewalt erhielt, beschwört Prospero einen Sturm herauf, der die Flotte zerschlägt. Das Schiff Alfonsos und Antonios wird daraus herausgerissen und kentert – die Besatzung rettet sich unversehrt, in Gruppen verteilt, auf Prosperos Insel.

Mit Hilfe seiner Geister, vor allem des Luftgeistes Ariel, dirigiert Prospero die Gestrandeten: Ferdinand lernt Miranda kennen und lieben, am Ende stehen sich auch Prospero, Antonio und Alfonso Aug in Aug gegenüber. Alles läuft nach Plan, doch mit dem Erlangen seines geheimnisvollen Wissens hat Prospero auch Erkenntnis und Einsicht gewonnen – sein Rachedurst ist verloschen. Miranda und Ferdinand werden heiraten, Prospero vergibt seinen Feinden und kehrt in sein Herzogtum zurück, daß er nun wieder allein und nicht Neapel unterworfen, regieren wird, bis zu seinem Tode – soweit Shakespeare.

DIE WIENER INSZENIERUNG IN DRESDEN

Sicher: das Stück läßt sich genau so gar nicht inszenieren, ohne es zu hinterfragen. Ist es Komödie oder Lehrstück? Was sagt es uns über den Wandel der Charaktere oder die Stetigkeit des Rechts? Prospero, eigentlich Opfer und Held des Stückes, ist auch nicht frei von Tadel: auch er bedient sich grausamer Methoden, herrscht mit Zauber (spielt Gott?), Gewalt, Drohungen, peinigt seine Gegner. Kaliban, dämonisches Fabelwesen, ist nach seinem Maßstab unwert – nicht Diener, Sklave ist er für Prospero.

Barbara Frey hat sich auf die hinter dem Stück und den Charakteren liegenden Fragen bezogen, gibt damit das eigentliche Werk zumindest teilweise auf. Der Zuschauer wird davon überrascht, daß es gar nicht stattfindet, zumindest nicht in Szenen und Personen. Frey hat Shakespeare seiner Lebendigkeit und Farbigkeit beraubt und verlegt die Handlung ins Zimmer eines Schriftstellers oder Denkers – reflektieren über den »Sturm«. So kommt das Schauspiel auch mit drei Personen aus (statt 21 nebst »anderen, Prospero dienenden Geistern«). Johann Adam Oest (Erzähler, Prospero, Trinculo), Maria Happel (Kaliban, Miranda) und Joachim Meyerhoff (Ariel, Ferdinand, Stephano) spielen die wichtigsten Personen in Mehrfachrollen, viele andere, wie Alfonso oder Antonio, treten gar nicht auf, sondern werden nur durch Ariel belebt, welcher Prospero erzählt, was passiert ist oder was er gerade beobachtet. Den »ehrlichen alten Rat« Gonzalo, vielleicht die einzig positive und untadelige Figur des Stückes, hat Frey ganz gestrichen.

Der »Sturm« endet etwa so, wie er begonnen hat: mit einem nachdenkenden, um Worte ringenden Autoren – ist es Prospero? Der Zuschauer nimmt teil, nicht am Schauspiel, sondern am »Sturm« als »Denkmodell«. Es ist der Versuch, ein Schauspiel zu erdenken, Charaktere zu formen, zu folgern, zu urteilen. Und dies scheint schon zu Beginn zu scheitern: Miranda ist nicht die wohlbehütete, ihren Vater verehrende, etwas naive Tochter, sondern gelangweilt, ironisch, der Erzählungen ihres Vaters überdrüssig. Das Inselidyll scheint sie ebenso zu verdrießen wie der moralisierende Vater. Nicht ein von Prospero erwirkter Schlaf (Shakespeare) hindert sie daran, den Erzählung zu folgen, sondern pures Desinteresse (Frey). Und auch Ferdinand ist weit entfernt von einem strahlenden Helden und prinzlichen Eroberer. Die Einfalt in Person, scheint es – möge Gott verhüten, daß diese Zwei einmal die Rolle des Königspaares übernehmen und herrschen werden!

Es läuft nicht so, wie Prospero (oder der Dichter) sich das Stück ausdenkt, die Menschen tanzen nicht nach seinem Willen wie Marionetten, und auch der bei Shakespeare noch beschriebene Wandel Prosperos, der am Ende von Herzen vergibt, stellt sich nicht ein. Barbara Freys Zauberer / Herzog vergibt nur mit Widerwillen, nicht von Herzen. Und selbst Ariel, der mehrfach an einer Kletterstange herabgleitet, ist nicht nur ein unfreier (da in Diensten Prosperos stehender) Geist, sondern im Kern zutiefst menschlich – er scheut am Ende vor der Hürde, die gleiche Stange nun hinaufzuklettern und frei zu sein, setzt sich lieber zu Prospero und philosophiert mit ihm, über das Leben, das Begehren, daß man gerade die Dinge am stärksten liebt, die man früh verliert…

Joachim Meyerhoff, Maria Happel und Johann Adam Oest agieren zwischen spärlichen Kulissen, ein paar Wänden, die Blicke dazwischen und dahinter gewähren, so daß man das Spiel im Spiel miterlebt – auch so entzaubert Frey Shakespeares Vorlage. Und bannt gleichzeitig durch den Fokus auf drei geniale Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen, als grotesk-komisch-ekelhafter Kaliban auftreten, als unterwürfig serviler Ferdinand, als schräges, ungleiches und uneiniges Trio Stephano-Trinculo-Kaliban… Leise, nachdenklich, sinnend beginnt und endet Johann Adam Oest, auch zwischendurch erzählt er die Handlung, als denke der Autor bzw. Prospero sie sich gerade aus, nicht als passierte sie. Ist der »Sturm« also möglich oder unmöglich? Eine Vision? Sind Moral und Vergebung so unwahrhaftig wie Geister und Zauberei? Ist jeder Mensch, wenn er in die Situation kommt, von Rache getrieben, wo er vergeben sollte? Prosperos Traum (oder Denkspiel) einer heilen Welt zumindest, scheint unerfüllbar…

5. März 2016, Wolfram Quellmalz

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