Endlich! – Viertel »Ring« in Dresden

Richard Wagners Walküre an der Semperoper Dresden

Der »Ring des Nibelungen« war zuletzt vor knapp sechs Jahren auf der Bühne der Semperoper zu erleben gewesen, damals mit Jonas Alber, John Fiore und Asher Fisch am Pult. Die Pause seither erschien lang, auch und erst recht, wenn man die Bedeutung des Komponisten für das Haus bedenkt. Selbst in Richard Wagners Jubiläumsjahr 2013 gab es kein »Ring-Häppchen«, geschweige denn einen neuen. Dafür aber jetzt »Die Walküre« – für drei Vorstellungen übernahm Christian Thielemann das Zepter. Namen wir Nina Stemme, Petra Lang, Markus Marquardt und Georg Zeppenfeld sowie – für den ursprünglich geplanten Johan Botha eingesprungen – Christopher Ventris »zogen« ordentlich, und so pilgerten nicht nur Dresdner und Wagnerianer oder Thielemannianer ins sächsische Opernhaus an der Elbe, sondern Opernfreunde aus der ganzen Welt (oder zumindest aus ganz Europa). Tschechisch, Russisch, Wienerisch, Münchnerisch, Französisch… alles konnte man in den Pausen hören. Rege Diskussionen über Sänger, Dirigenten, Tempi, Lautstärke und natürlich Vergleiche mit … (vergangene Zeiten).

Willy Deckers Inszenierung von 2001 ist nicht mehr ganz frisch, liegt damit aber – im Vergleich mit anderen Häusern und in bezug auf die Opernpraxis – im Rahmen. (Im Verhältnis dazu ist Christine Mieliz’ Lohengrin, mit dem Anna Netrebko und Piotr Beczala im Mai ihre Rollendebuts als Elsa und Lohengrin feiern werden, eine schon fast historische Inszenierung von 1983 – noch aus dem Großen Haus!) Allerdings hat Deckers Idee, den Zuschauerraum scheinbar bis auf die Bühne zu erweitern und Wotan als Theaterregisseur auftreten zu lassen, auch eine geringere Halbwertzeit – prägnante Ideen und Effekte nutzen sich oft schneller ab. Doch schließlich ist ein neuer Intendant in Sicht, man kann also hoffen, daß ab 2018 vielleicht…

DAS STÜCK

»Die Walküre« ist der zweite Teil der Tetralogie, der erste Tag nach dem Vorabend des »Rheingolds«.

Vorgeschichte:

Wotan will den verlorenen Schatz, der in einer Höhle vom verwandelten Fafner behütet wird, wieder an sich bringen. Da er selbst es nicht zurückholen darf (ohne gegen seine eigenen Gesetze zu verstoßen), zeugte Wotan mit einer Menschenfrau ein Zwillingspaar – Siegmund und Sieglinde. Der gemeinsame Sohn beider soll später als freier Held seinen ungebundenen Willen verwirklichen und das Gold zurückholen.

Voneinander getrennt wuchsen Siegmund und Sieglinde auf. Hunding nahm sich Sieglinde zur Frau, während Siegmund allein durch die Welt streifte.

Handlung:

Von Feinden verfolgt stürzt Siegmund in Hundings Hütte. Hier erkennen sich Siegmund und Sieglinde, aber auch Hunding – als Feind Siegmunds. Er fordert Siegmund zum Zweikampf, gewährt ihm aber zuvor das Gastrecht für eine Nacht. Mit dem Schwert Nothung, das Siegmund aus der Esche in Hundings Heim zieht – nur dem stärksten war dies möglich – erobert er Sieglinde als Braut.

Wotan gibt seiner Tochter Brünnhilde Anweisung, Siegmund im bevorstehenden Zweikampf mit Hunding zu schützen. Doch Hunding hat Wotans Gemahlin Fricka zu Hilfe gerufen. Wegen des Ehebruchs und der begangenen Blutschande verlangt Fricka Siegmunds Tod – Wotan darf Siegmund keinen göttlichen Schutz geben. Als Brünnhilde Siegmund seinen bevorstehenden Tod ankündigt, will dieser seine Schwester und sich töten. Daraufhin verspricht die erschütterte Brünnhilde – entgegen Wotans Gebot – ihm den Sieg. Doch Wotan selbst greift in den Zweikampf ein: Siegmunds Schwert Nothung zerschellt an seinem Speer, Hunding tötet Siegmund, wird aber selbst auch tödlich verwundet.

Brünnhilde flieht mit Sieglinde zu den Walküren. Sieglinde will sterben, doch Brünnhilde verkündet ihr, daß sie einem Sohn gebären wird: Siegfried. Aus den Splittern Nothungs wird er einst ein neues Schwert schmieden. Als dies Wotan, der Brünnhilde wegen ihres Fehlverhaltens aus Walhall verstoßen will, erfährt, läßt er einen schützenden Feuergürtel um Sieglinde entfachen. Nur ein wirklich freier Held kann diesen Schutzwall durchdringen, ihm soll Sieglinde angehören.

DIE DRESDNER AUFFÜHRUNG

Christian Thielemann, Richard Wagner und die Semperoper sind eine Trias von hoher Anziehungskraft, und der Dirigent hat keineswegs einen kleinen Anteil in dieser Wirkung. Viele der Pilger sind seine Jünger, die ihn schon mit lautem Jubel begrüßen. Über weite Strecken gab es diese Thielemann-Momente, zum Beispiel gleich zu Beginn (Auftritt des Pläne schmiedenden »Regisseurs« Wotan), den der Maestro unbändig mit Spannung auflud, Wotans Schaffensdrang und -eifer sich musikalisch ergießen ließ. Damit gab Christian Thielemann dem ganzen Abend einen Energieschub, an der sich auch eine sängerische Eindringlichkeit entzünden konnte. Der Kapellmeister liebt das Spiel von Agogik und Rubato, schöpft aus dem Augenblick und läßt das Werk an jedem Abend neu erstehen, so auch in dieser dritten Aufführung am 28. Februar. Vor allem stützte er dabei die Sänger, überdeckte sie – auch bei forcierter Gangart – kaum einmal.

Einen Spannungsabfall gab es allerdings im zweiten Akt, in dessen Verlauf es allerdings auch einige Längen gibt. Diese hängen nicht zuletzt an Willy Deckers statischer Inszenierung. Auf der Bühnen-Bühne (Wolfgang Gussmann), die eine Art Theaterwerkstadt bzw. Architektur-Atelier mit den Modellen pompösen Prachtbauten und Tempel zeigt, ringen Wotan, Brünnhilde und Fricka um das Menschenschicksal. Doch gerade mit der Todesverkündung, einem Wendepunkt, liefen Schauspiel und Musik im Gleichmaß weiter und verloren an Intensität und Schicksalshaftigkeit. Dazu kam, daß – ein technisches Problem? – die Ausleuchtung der Szene nicht schlüssig schien. Ausgeprägte Schattenbereiche auf der zentralen Bühne und Sänger, die im Dunkeln standen, wirkten nicht immer beabsichtigt.

Mehr Fahrt nahm das Stück dann wieder im dritten Akt auf, für den fast die ganze Bühne mit Zuschauerstühlen ausgefüllt. Hier treiben die Walküren ein neckisches, aufreizendes Spiel, sitzen aber auch wie gezüchtigte Schulmädchen nach Wotans Eingreifen demütig (?) vornübergebeugt da – der Spaß ist vorbei.

Seitens der Sänger konnte man eine beglückende Vielfalt an Ausdruckskraft und ausgeprägten Charakteren feststellen, dazu stimmlich hinreißende Darbietungen. Christopher Ventris, von manchem zunächst vielleicht noch mißtrauisch behört – ob er denn ein würdiger Ersatz sei – machte seine Sache ausgesprochen gut. Als kämpferischer Siegmund bereicherte er seinen kräftigen Tenor auch mit emotionaler Tiefe. Seinen Gegenspieler Hunding formte Georg Zeppenfeld mit »Mark und Bein« – ein fieser Finsterling, der sich sein Glück nicht nehmen lassen will. Glänzend und vielschichtig gelang Markus Marquarts Wotan. Im Wandel des Erbauers-Erschaffers-Siegers-Besiegten ließ er alle Charakterfacetten dieser Figur leuchten – großartig! Große Begeisterung gab es aber auch für die Darstellerinnen der Sieglinde (Petra Lang), Brünnhilde (Nina Stemme) und Fricka (Christa Mayer). Während Lang mit betörendem Sopran die Geliebte gleichermaßen einfühlsam wie von Sinnen spielte, sang Nina Stemme samtig dunkel – ganz wunderbar unterstützt von Christian Thielemanns Staatskapelle. Hingegen begeisterte Christa Mayer als Heroine – optisch wie sängerisch fulminant strahlend, die im Gesamteindruck vielleicht überzeugendste, »schlagkräftigste« Figur des Abends.

Die Staatskapelle beschwor Blitz und Donner, Walkürenritt und Erlösungsmomente. Vor allem der Dresdner Streicherklang war berauschend, ohne daß sich eine sinntrübende Trunkenheit im Kopf einstellte. Einige kleine Wackler im Blech in jedem der drei Akte vielen ins Gehör und trübten das Klangerlebnis ein wenig. An Eindringlichkeit jedoch, fehlte es kaum (ein betörendes Englischhorn!), immer wieder ließen die vier Harfen ihre zauberische Kraft anschwellen – fulminant!

Die Begeisterung allenthalben entlud sich in frenetischem Applaus. Wann bitte gibt es wieder einen ganzen »Ring«?

29. Februar 2016, Wolfram Quellmalz

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