Luzidität als Bindung der Stücke

Yefim Bronfman und David Robertson erobern das Dresdner Publikum

Das 9. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle mußte wegen einer krankheitsbedingten Absage Christian Thielemanns kurzfristig umgestellt werden. David Robertson übernahm die Leitung, statt des geplanten 5. Klavierkonzertes Ludwig van Beethovens nahm er allerdings dessen vierte Sinfonie ins Programm. Was blieb war Beethovens 2. Klavierkonzert sowie die Uraufführung Peter Ruzickas »Elegie – Erinnerung für Orchester« (Christian Thielemann gewidmet). Yefim Bronfman war also nur mit einem Stück zu erleben, doch wird der Capell-Virtuos gleich in wenigen Tagen anläßlich eines Sonderkonzertes nachlegen (Beethoven 5, Coriolan-Ouvertüre sowie das Tripelkonzert mit Anne-Sophie Mutter und Lynn Harrell).

Bestechend in Form bzw. anregend »angestachelt« zeigte sich die Staatskapelle, und das von Beginn an. Schon die Einleitung Beethovens B-Dur Konzertes (welches das von ihm zuerst geschriebene war) fiel durch Luzidität auf, in der Robertson sinnlichen Energiestrom und hauchzarte Poesie zu verschmelzen wußte. Diese Klangwoge, dieser perlend kultivierten Rausch, prägte das ganze Konzert, wovon nicht zuletzt eine feine, subtile Wiedergabe der Ruzicka-Elegie profitierte.

Zunächst jedoch war es an Yefim Bronfman, seine Hörer mit kultiviertem Anschlag, seidenzarten Klängen und einem erzählerischen Impetus in der Kadenz des ersten Satzes zu verwöhnen – manch einer dachte vielleicht mit Wehmut daran, daß diese Residenz schon so bald zu Ende gehen wird. David Robertson sorgte derweil dafür, ein inniges Gewebe zartester Klangfarben entstehen zu lassen, so daß hier und da das Klavier oder die Streicher eher zu schimmern als zu klingen schienen.

Peter Ruzickas »Elegie« für »vierzig Solostreicher« (Programmheft) beginnt fahl, mit einzelnen Tönen ausgewählter Sologruppen: Violoncelli und Violen, dann Violoncelli, Violen und zweite Violinen. schließlich Violoncelli, Violen und erste Violinen. Einzelne Töne, Klänge, Pausen. Erst dann hebt Ruzicka diese Gruppierungen auf und schafft ein Werk, formt Momente der Verklärung und Auferstehung, schafft Dissonanzen, löst diese aber auch wieder auf. Und ja – er hat kein schnödes Wagner-Zitat verwendet, sondern ein Albumblatt eingearbeitet, seine Textur mit der eigenen verwoben, ein wenig Tristan-Harmonik blieb dabei erhalten. Daß es auch hier schimmerte, ist der exzellenten Wiedergabe und dem feinen Händchen des Dirigenten zu danken, so daß dem Publikum eine feine Uraufführung spendiert wurde – daß es nicht allen gefiel, ist vollkommen in Ordnung. Im Gegenteil wollen wir annehmen, daß einige »Buhs« von einer Bezugnahme zeugen und nicht von einer grundsätzlichen Ablehnung.

Aus der Luzidität geboren war schließlich auch Ludwig van Beethovens Sinfonie – in B-Dur wie das Klavierkonzert. Doch verweilte Robertson hier mitnichten, sondern erweckte Orchester und Publikum gleichsam mit Pauken, um nach einem genüßlich ausgekosteten Adagio ein Finale aufzutürmen, daß an Verve nichts zu wünschen übrigließ – große Klasse!

Das Konzert schien von gegenseitiger Wertschätzung und Freude geprägt, und so verwunderte es nicht, als das Orchester beim Schlußapplaus schließlich sitzenblieb, dem Dirigenten auf diese Weise dankte und Respekt zollte – der bedachte diese Geste auf seine Weise und beugte – angedeutet und elegant – das Knie.

18. April 2016, Wolfram Quellmalz

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