Mit Saft und Kraft

Jan Vogler mit Dmitri Kabalewski als Gast bei der Philharmonie

»Jan Vogler spielt Kabalewski« hieß es auf dem Programmheft und schien ein wenig, als würde mit dem Auftritt des Solisten und Intendanten Dresdens Musikleben auf die in der kommenden Woche beginnenden Musikfestspiele einschwenken. Zum Sinfoniekonzert der Dresdner Philharmonie im Schauspielhaus gab es aber noch mehr: Sergei Prokofjews »Symphonie classique« sowie Anton Bruckners sechste. Genaugenommen machte Kabalewskis Werk nur einen kleinen Teil des Abends aus – zumindest, wenn man nach der Dauer der Stücke urteilte. Ein Blick in die Spielhistorie hebt wiederum das Duo Vogler / Kabalewski heraus: Während die »Dauerbrenner« von Bruckner (zuletzt 2013) und Prokofjew (2012) zum festen Repertoire gehören und mit einer beständigen Regelmäßigkeit gespielt werden, erklang Dmitri Kabalewskis Konzert für Violoncello und Orchester G-Dur zuletzt vor über 50 (!) Jahren. Damals, 1963, stand der Komponist selbst am Pult der Philharmonie. Ihm folge am Donnerstag Juanjo Mena.

Dmitri Kabalewski, der sich auch mit Malerei und Dichtung befaßte, war anders als Kollegen wie Schostakowitsch und Prokofjew nicht bzw. weniger Ziel der unsäglichen Formalismusvorwürfe. Seine Tonsprache, reich an Melodik und Harmonik, verläßt den Raum der Tonalität kaum, und wenn doch, dann gemäßigt. Das Cellokonzert ist sanglich, dicht, rhythmisch pulsierend angelegt und vermag einzunehmen, vor allem, wenn es so expressiv und vibrierend zum Leben erweckt wird wie an diesem Abend. Jan Vogler hob gerade die Sanglichkeit heraus, entwickelte aber auch im langsamen Satz, vor allem der Kadenz, eine enorme musikalische Kraft, ohne dabei Feinheiten zu vernachlässigen oder Umschwünge zu verschleiern. Trotz viel Puls klang Kabalewskis Konzert nie gehetzt.

Juanjo Mena hatte das Orchester dazu »satt« eingestellt. Noch bei Prokofjews Sinfonie Nr. 1 waren die Streicher extrem zurückhaltend, fein getupft, so daß sich die Stimmen der Holzbläser um so deutlicher hervorheben konnten. Vor allen das Fagott setzte sich immer wieder nasal und keck in Szene – hier schmunzelte ein wenig der Charakter Haydns durch, an dem sich Prokofjew ein Vorbild hatte nehmen wollen.

Nach dem farbigen Tusch mit Kabalewski vollführte das Orchester einen schwelgerischen Reigen. Juanjo Mena vereinigte klare Durchsichtigkeit und expressive Kraft, ließ keine monolithischen Bruckner-Blöcke aufeinanderstürzen. Von großer Energie und Dichte war so vor allem das Adagio, das die Philharmonie zu keinem Stillstand kommen ließ, sondern auch an den Ruhepunkten in der Schwebe hielt. Selbst leiseste, untergründige Paukenwirbel verliehen der Sinfonie einen Energiestrom, um sie gleich darauf (Scherzo) um so schlagender voranzutreiben. Mit erwachenden Posaunen und auf Saiten schlagenden Bögen ging ein quirliges, behendes Finale zu Ende.

29. April 2016, Wolfram Quellmalz

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