Der Zauberer

Pittsburgh Symphony Orchestra mit Manfred Honeck und Daniil Trifonov bei den Dresdner Musikfestspielen

Pianistentalente werden in der Regel von Marketingabteilungen und Agenturen gefördert. Manche von ihnen scheinen kreiert mit ihren antrainierten Auffälligkeiten. Manche von ihnen betreten die Bühne aber mit einem pianistischen Paukenschlag. Oder mit drei: Daniil Trifonov gewann 2011 erste Preise sowohl beim Tschaikowsky-Wettbewerb Moskau als auch beim Piano Master Competition Arthur Rubinstein in Tel Aviv, nachdem er ein Jahr zuvor bereits den dritten Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau zugesprochen bekommen hatte. Damals war die Entscheidung für den ersten Preis höchst umstritten. Martha Argerich ist da in ihrer Aussage eindeutiger: Sie findet Trifonovs Spiel »diabolisch«. Das Versprechen der Wettbewerbssiege hat der in Nischni Nowgorod geborene Trifonow seither mehrfach eingelöst und bestätigt, in der Carnegie Hall zum Beispiel. CD- und DVD-Aufnahmen zeugen ebenso davon wie Beiträge auf arte und ZDF Kultur. Ab September hat der Pianist eine Residenz bei der Sächsischen Staatskapelle, zuvor gab er am Montag bereits einmal seine Visitenkarte im Dresdner Albertinum (Galerie der Neuen Meister) ab.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra ist mit seinem Chefdirigenten Manfred Honeck derzeit auf Europatournée, an 21 Abenden gibt es sechs Programme mit vier Solisten, Daniil Trifonov ist einer davon. Er bestreitet einen Großteil der Abende, meist mit Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Rachmaninow ist einer der bevorzugten Komponisten Trifonovs, auf den der Pianist auch selbst schon ein Stück (»Rachmaniana«) geschrieben hat. Das zweite gehört zu den meistgespielten Klavierkonzerten überhaupt – wie schön, daß es zu den Musikfestspielen etwas anderes gab: das Klavierkonzert in Es-Dur von Franz Liszt. Und hier führte Daniil Trifonov eine große Ausdruckspalette vor, vom lyrischen Singen im ersten Satz bis zum virtuosen Neckspiel mit dem Orchester im letzten, fügte sich mit der Oboe im Allegro maestoso zu einem schumannesken Duo. Wenn Liszts Klangkaskaden auf kleinstem Raum zu arkadischen Liedern schmolzen, zeigte sich der Pianist als Tastenzauberer, der ebenso stupend den zweiten Satz Quasi adagio als Spaziergang durch den Märchenwald gestaltete – indes der Regen auf das Blätterdach fiel. Technik ist bei Daniil Trifonov kein Selbstzweck, sondern ein schlichtes Mittel, das der Gestalter nutzt wie ein Maler seine Farben und Pinsel.

Der Regen hatte die Landeshauptstadt just mit dem Konzertbeginn ereilt, und man konnte glauben, Meister Haydn wäre mit einer seiner Schelmereien dahinter – Regen zu einer der »Londoner Sinfonien«. Die 93. in D-Dur, die ganz ohne Beinamen dennoch Überraschung und Trommelwirbel bereithält. Das Pittsburgh Symphony Orchestra war – ganz amerikanisch – in voller Besetzung angereist, kein kammermusikalischer Haydn also, sondern einer für große Säle. Manfred Honeck zeichnete den Wiener Schmäh mit Herz nach, im leicht verzerrten Metrum ebenso wie in den humorigen Effekten, wenn ein brummiges Fagott-C etwa den zweiten Satz beendet, der ganz anders – mit einem Streichquartett – begonnen hatte.

Nach der Pause wuchs das Orchester für Peter Tschaikowskys vierte Sinfonie noch um ein weiteres. Hatte Honeck bereits bei Haydn kräftig die Pauken rühren und die Trompeten blasen lassen, so legte er hier noch einmal ordentlich zu. Tschaikowskys opulentes Werk klingt immer in den Ohren nach, doch geriet Manfred Honeck manches, nicht nur das Finale, lärmig. Scharf tönten die Bläsersolisten, auch die Flöte mischte sich mit greller Klangfärbung darunter. Als Akzente war dies wohlgemerkt schlüssig, nur eben im Maß allzu üppig.

Das Festspielpublikum ließ sich von der dargebotenen Opulenz jedoch anstecken und applaudierte kräftig. Und so gab es nach Schostakowitsch in einer Pletnev-Bearbeitung mit Daniil Trifonov vor der Pause am Ende des Konzertes auch noch zwei Orchesterzugabe mit Ballettmusik von Tschaikowski und Schostakowitsch.

 

 

Materialsammlung:

Daniil Trifonov, arte, Rachmaninow, Lob von Martha Argerich (sein Klavier ist diabolisch, habe in ihrem ganzen Leben nichts vergleichbares gehört), Bach / Liszt Fantasie und Fuge g-Moll, Beethoven 111

CD: Rezital Carnegie-Hall, Rachmaninow-Variationen und eigene „Rachmaniana“ mit Philadelphia Orchestra, Yannick Nezet-Seguin

Residenz: Mozart 467 (Gastkonzerte), Rezital mit Schumann, Schostakowitsch und Strawinsky, Ravel G-Dur

24. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s