Raffinesse auf dem Weingut

Preisträgerkonzert im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele

Am Donnerstagabend lud das Weingut Wackerbarth zu einer »Langen Nacht des Cellos« in seine Produktionshalle. Drei Preisträger des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbes hatte Festspielintendant Jan Vogler, der in Moskau als Jurymitglied dabeigewesen war, eingeladen. Ein Blick ins Programmheft offenbarte, daß es nicht bl0ß die drei Erstplazierten des vergangenen Jahres gewesen sind, sondern daß zu ihnen Mehrfachteilnehmer und ‑preisträger zählen – man durfte also mehr erwarten als nur gut trainierte »Rokoko-Variationen«. Und so präsentierte sich jeder der drei mit ausgeprägt unterschiedlichen Stücken. Dabei wurde die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ausgelassen, im Gegenteil: mit Werken in allen drei Teilen des Programms stellte sie sogar einen Schwerpunkt dar.

So spielte Alexander Ramm (zweiter Preis 2015) mit Gaspar Cassadós Suite für Violoncello aus den 1920er und Samuel Barbers Sonate Opus 6 aus den 1930er Jahren gleich zwei Werke des letzten Jahrhunderts. Raffiniert und expressionistisch greift Cassadós Werk folkloristische Motive auf, führt sie aber stets in seine Gegenwart zurück. Eine technische Hürde war das anspruchsvolle Stück für Alexander Ramm nicht. Mit seiner Klavierpartnerin Anna Odintsova fand er zu vollgriffigen, farbenreichen Interpretationen, wovon zu Beginn bereits César Francks berühmte A-Dur-Sonate (in der Bearbeitung von Jules Delsart) gezeugt hatte. Das viersätzige Werk, in dem der Komponist eine Motiventwicklung und -verflechtung auch zwischen den Sätzen auf beispielhafte Weise vorgeführt hat, lebte vor allem von der feinen Balance der Musiker und einer Ausgewogenheit des Ausdrucks.

Andrei Ioniţă (erster Preis 2015) umschloß den zweiten Programmteil mit Bach – seinem »Alpha und Omega«, wie der Cellist selbst sagte. In diesem Fall waren es allerdings Omega und Alpha, denn Andrei Ioniţă hatte mit der sechsten der Solosuiten Johan Sebastian Bachs (BWV 1012) begonnen und reichte den Beginn, das Prélude aus BWV 1007, als Zugabe nach. Diese war vom Publikum nach Zoltán Kodálys Sonate Opus 8 verlangt worden, jenem Werk übrigens, auf das sich Gaspar Cassadó in seiner Suite bezogen hatte. Expressiv und mit Hingabe eröffnete Andrei Ioniţă den Kosmos Kodálys, ließ das Werk in grüblerischen Tiefen versinken und legte Strukturen offen, bevor er schließlich die Extravaganzen des Allegro molto vivace spielerisch bewältigte. Dieses eröffnet Klangwelten bis hin zu Banjo und Marimba – phaszinierend!

Als gediegenen Abschluß präsentierten Alexander Buzlov (zweiter Preis 2007 und dritter Preis 2015) und Sviatoslav Lips Franz Schuberts »Arpeggione-Sonate«, wobei auch sie das Klangspektrum – diesmal hin zum Arpeggione – erweiterten und durch Abgeklärtheit, Feinheit und Ausgewogenheit Souveränität bewiesen. Die beiden Musiker tappten eben nicht in die Falle triefiger Seligkeit. Auf Efrem Podgaits Sonate für Violoncello und Klavier, die zunächst neoromantische Erinnerungen zu wecken scheint, sich dann aber in Kaskaden der Musik des 21. Jahrhunderts nähert, folgte Benjamin Brittens den Abend beschließende Sonate Opus 65. Der einleitende Satz Dialogo-Allegro gibt dabei schon vor, was auch im folgenden beibehalten wird: eine Gleichberechtigung der beiden Instrumente. Alexander Buzlov und Sviatoslav Lips ließen das Werk in schattigen Welten wandeln, verliehen ihm geistvollen Witz, Versunkenheit und Groteske. Mit einem brillanten Presto verabschiedeten die beiden Musiker ein um vieles bereichertes Publikum.

27. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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