Noch ein Extraformat

Doppelter Klavierabend bei den Musikfestspielen

Nicht nur in der Festspiellänge, auch im Format der Konzerte und im Programm wagen die Dresdner Musikfestspiele in diesem Jahr mehr. Am Montagabend fand in der Annenkirche ein Klavierabend mit zwei Pianisten statt: Lars Vogt und Aaron Pilsan spielten Werke von Franz Schubert und Johann Sebastian Bach. Um ihrer Musik mehr Raum und Ruhe bieten zu können und nicht mit Herbert Grönemeyer zu »kollidieren«, war die Veranstaltung rechtzeitig vom Palais im Großen Garten verlegt worden.

Und so fanden sich erneut viele Zuhörer ein, zwei Ausnahmetalenten zu lauschen. Lars Vogt ist als solches seit Jahren anerkannt, der zwanzigjährige Aaron Pilsan stellte sich dem Festspielpublikum erstmals vor. Jedoch traten beide gemeinsam nur mit einem Werk auf, Franz Schuberts Phantasie D 940 für Klavier zu vier Händen. Schwermut und Schmerz mag man dem Melancholiker Schubert gern zugestehen, doch wenn man ihm ins Herz schaut, findet man ihn ebenso dem Leben zugewandt und sehnend, geradezu getrieben von Hoffnung. So interpretierten auch die beiden Pianisten das Werk in f-Moll, dem sie sich tastend näherten und ein Liebesahnen erweckten – man ist sich heute nicht sicher, doch eine innere Zuwendung des Werkes zur äußerlich als Widmungsträgerin auftretenden Comtesse Caroline Esterházy ist möglich – am Montag wurde sie hörbar. Ganz so sacht ließen die beiden Pianisten Schuberts Phantasie aber nicht verrinnen, denn gerade Lars Vogt, »unten«, am Baß sitzend und das Duo mit den Augen leitend, verlieh ihr kräftige Konturen. Schon hier schien Schubert im Aufbruch des getriebenen Wanderers begriffen. In der Fuge verschlangen sich zunächst aber die Stimmen und wandelten die Energie der Wanderung in einen Spaziergang voll innerer Betrachtung um.

Aaron Pilsan übernahm den Flügel dann allein für Schuberts »Wandererphantasie«, ein Werk, das vor zwei Jahren bereits auf der ersten Solo-CD des Pianisten veröffentlicht wurde. (Darüber hinaus war er bereits an zwei Kammermusikaufnahmen mit Partnern wie Christian Tetzlaff und Antja Weithaas beteiligt.) Stürmisch, in jugendlichem Drange, erweckte Aaron Pilsan das vierteilige Werk, mit Keckheit, Leichtigkeit und Feinsinn. Grüblerisches Innehalten gewährte er ihm ebenso wie er Nebenstimmen offenlegte – ein Hörerlebnis für Entdecker, aber auch eine stimmige, fließende, persönliche Interpretation. Als Ausblick auf die zweite Konzerthälfte spendierte der junge Österreicher den Beginn in C-Dur aus Teil 1 des Wohltemperierten Klavieres. Aber nicht nur das Präludium als »Häppchen« – er blieb den lauschenden Zuhörern die Fuge nicht schuldig.

Lars Vogt ließ hierauf ein musikalisches Evangelium folgen – Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen. Nach der Auslotung der Gefühle folgte eine Offenlegung der Struktur, die Vogt mit Klarsicht verfolgte. Federnd und leicht geriet Variation Nr. 8, schon Nr. 5 war ein dichtgedrängter Höhepunkt – lange vor dem überbordenden »Quodlibet« (Nr. 30), in Nr. 14 faßte der Pianist Spannungsaufbau und Entspannung auf engstem Raum zusammen. Vor allem rhythmische Fügungen stellte Lars Vogt heraus, ließ Variationen sinnig ineinandergleiten oder entwickelte die eine aus der anderen (wie in Nr. 26 bis 30). Auch kleinere (nach 25) und größere Zäsuren (vor der Ouvertüre der zweiten Hälfte) trugen zur Ordnung in Bachs Kosmos bei – musikalisch stimmig und hellsichtig.

31. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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